Kurzgeschichte der Woche

Ausnahmsweise Ausnahmslos

Was gibt es alles für Gesetze. Regeln. Verhaltensweisen. Gebote. Verbote. Seitenweise. Bücherweise. Arbeitsplatzbeschaffer. Denn alleine die Auslegung, die Interpretation füllt Büros. Archive. Pulte. Festplatten. Clouds. Ja und dann die Ausnahmen. Annahmen. Lose Sammlungen. Ergänzungsblätter. Stets hungrige Ordner. Elektronische. Kartonierte. Ein wahrer Wust. Ohne jede Extrawurst. Denn Gleichheit heißt sich an Regeln zu halten. Ausnahmslos. Ausnahmslos? Da erinnere ich mich an den alten, nein so alt war er doch nicht, um die Fünfundfünfzig schätzte ich ihn, jedenfalls jenseits von Gut und Böse, wie ich als damals Zweiundzwanzig Jähriger empfand, mit griesgrämigen Gesicht mir in der Regionalbahn gegenüber sitzenden Mann. Ohne Morgengruß setze er sich, nachdem er meinen Rucksack mit meinen täglich berückenden Utensilien (deshalb heißt dieser wohl Rucksack, muss ich mal nachsehen), des Platzes verwiesen hatte an dessen Stelle. Ich nahm diesen auf meinen Schoss trällerte ein ‚schönen guten Morgen‘ melodisch in seine mich anstarrenden Pupillen. Berückende tägliche Utensilien? Oder waren diese eher bedrückend? Bestimmt nicht das belegte, von meiner Freundin bereitete belegte Brot, das mir obwohl salzig den Tag zu versüßen hatte.

Zumindest den Mittag. Bis zum Nachmittag reichte dies nicht. Denn an diesem Tag, ich erinnere mich genau, hatte ich mein jährliches Qualifikationsgespräch zu absolvieren, das, so war ich überzeugt nicht gut ausgehen konnte, zu viele Fehltage, von Grippe bis Migräne hatte ich mir geleistet, lagen tonnenschwer auf meinem Arbeitskonto. Und dann keine Antwort vom Griesgram. Kein fröhlicher oder zumindest bissiger Gruß wie ich jeweils einen solchen damals von meinem Boss erhielt. Nein, mein Gegenüber raunzte mich an. “Musik leiser oder ich …“, verstummte und schloss seine Augen. Seine Lider waren breit und fett. Weshalb nicht Lieder, fragte ich mich. Wäre doch viel angenehmer den Tag mit Fröhlichem zu beginnen. Ich schob die Lautstärke an meinem IPod hoch (wer kennt das heute noch, ein Relikt aus alten Zeiten), ich gebe es zu um ihn zu ärgern. Denn der Typ erinnerte mich zu fest an meinen Chef dem ich dann in einigen Stunden wehrlos gegenüber sitzen würde. Wehrlos ja. Aber nicht hier im Regionalzug. Zudem roch der fette Lidermann entsetzlich aus dem Mund.

So etwas, dachte ich mir, sollte verboten sein. Für was hatten wir Gesetze und Regeln die einzuhalten waren? Einzuhalten sind. An die Gurgel hätte ich ihm springen können. Ach, wäre ich ein bissiger Wolfshund dachte ich. Begann mit meinen Zähnen zu fletschen. Wie nur konnte ich dem morgendlichen Albtraum entweichen. Kein einziger Sitzplatz war frei. Und am Boden hockten bereits zahllose Passagiere. Und mich wie mein Rucksack durch diesen Kerl von meinem Platz verweisen lassen, nein, das kam nicht in die Tüte. Da erinnerte ich mich daran, dass meine Freundin mir eine Tüte mit überreifen Tomaten eingepackt hatte, der Vitaminzufuhr wegen. Und um nicht verschwenderisch mit Nahrungsmitteln umzugehen. Und waren Tomaten nicht auch Wurfgeschosse die um Unmut zu demonstrieren auf menschliche, Ekel auslösende Personen geworfen werden konnten. Gedacht getan, dachte ich. Doch da öffnete der Kerl seine schweren Lider, stand auf, wünschte mir mit freundlichster Stimme einen angenehmen Tag und begann eine herrliche Tamino Arie aus der Mozart Oper DIE ZAUBERFLÖTE mit himmlischer Stimme zu singen! Ja, bei Vogelfängern kann man sich täuschen. Ausnahmslos ausnahmsweise … Die Tomaten aber schmeckten mir vor dem Chefgespräch mulmig mehlig.




Dreisatzroman der Woche

D A S  H I N T E R Z I M M E R

Schwer zugänglich ist es das Hinterzimmer, gut versteckt und verriegelt mit einem feuerfesten Tor.

In ihm geschehen unheimliche Geschichten, Bilder voller Fantasie, Szenen die sich nicht an Regeln halten, einfach so sich zeigen, wie sie sind!

Das Zimmer liegt in meinem Innern, der Zugang geschieht einzig Nachts, es ist die Traumwerkstatt, durch meinem Geist gespiesen und von noch so viel anderem, das ich nicht weiß; schwer zugänglich ist es das Hinterzimmer, gut versteckt und verriegelt, mit einem feuerfesten Tor...


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Einige Kommentare zu dieser Kurzgeschichte:

Am 4. November 2017 schrieb ein anonymer Leser:

"Ihre Ausnahmegeschichte sprudelt von sprachlichen Experimenten und Assoziationen, wunderbar! Und die Pointe ist tatsächlich überraschend und witzig, die Tamino Arie würde niemand erwarten. Sie liefern auch eine Erklärung über Ihr schöpferisches Verfahren im Hinterzimmer, so ist es. Im unseren Unbewussten laufen Prozesse, die sich selbständig machen, es ist natürlich toll, wen sie jemand formulieren kann, wie Sie es in diesem Geysir tun. "

Am 4. November 2017 schrieb C.S.:

"Eine gute Geschichte die aus dem Leben gegriffen ist!"


"Ausnahmsweise Ausnahmslos" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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