Kurzgeschichte der Woche

Das Haar in der Suppe

Ich hätte nie geglaubt, dass ein Haar in der Suppe mich so stören könnte wie das Erlebnis das ich erst kürzlich durchstehen musste. Früher, da lachte ich mir einen Schranz in den Bauch, wenn jemand mir so kam. Von einem Haar in der Suppe sprach. “Spuckt man doch aus”, warf ich ihm an den Kopf. An den Kopf von dem ja das Haar stammen mochte. Übrigens, entschuldigen Sie meine manchmal vulgäre Ausdrucksweise, aber ich bin erst vor wenigen Tagen aus der Armee ausgeschlossen worden. Ausgeschlossen ohne jegliche Schuld. Ein Opfer widriger Umstände. Umstände, die eben mit diesem verflixten Haar in der Suppe zusammenhängen. Der Oberauditor hatte Anzeige gegen mich, der immerhin im Range eines Majors diente, erhoben. Erhoben, da ich das Haar in der Suppe entwendet hätte. Lächerlich! Ja verbrecherisch mich eines solchen Delikts zu bezichtigen. Insbesondere da die Armeeführung stets behauptet in dieser, der Sicherheit der Bevölkerung dienenden Organisation, gäbe es kein Haar in der Suppe. Also, bitte schön, oder verdammt nochmal, wie sollte ich etwas gestohlen haben das gar nicht existiert? War der Oberauditor auf den Kopf gefallen? Oder hatte eine Kanonenkugel ihn gestreift. Eine klassische Streifung also? Nun, trotz der Absurdität der Anklage wurde ich vor ein Militärgericht gezerrt. In Handschellen vorgeführt. Was für eine Schande für einen altgedienten Offizier! Und das alles einer Tat wegen die nicht möglich war.

Ich hatte einen Pflichtverteidiger zur Seite gestellt erhalten, bekam jedoch bald den Eindruck, dass er unfähig, oder vom Oberauditor bestochen worden war, um mich den Wölfen der Klatschpresse vorzuwerfen. Damit diese mich zerreißen könnten, zur höheren Ehre der Institution. Ich muss zugeben, dass ich mich des Öfteren im Kameradenkreis kritisch über die Armee geäußert hatte. Ihren Sinn in Frage stellte. Aber das war doch kein Haar. Haar mit Sinn zu verwechseln, so unmöglich konnte selbst die Militärjustiz nicht sein. Der Pflichtverteidiger schlug mir vor für die Gerichtsverhandlung meinen Schädel kahl rasieren zu lassen. Denn, so behauptete er, wo kein Haar, kann auch keins in die Suppe fallen. Ich folgte seinem Rat. Ließ mir eine Glatze schneiden. Diese spiegelglatt polieren, obwohl mir lieber gewesen wäre dem Oberauditor das Gesicht zu polieren. So erschien ich denn ohne Rangabzeichen, die wurden mir in der Untersuchungshaft mit der Begründung abgenommen, ein Diebstahl eines Haars in der Suppe sei so unehrenhaft, dass ein so überführter Täter keine Ehrenabzeichen seines Rangs mehr tragen dürfe.

Mit allen Mitteln versuchte ich das hohe Gericht, in dem auch Kameraden von mir saßen, von meiner Unschuld zu überzeugen. Aufzuzeigen, wo kein Haar in der Suppe sei, auch keines gestohlen werden könne. Der Ankläger nahm meine Argumentation auf, legte dem Gericht dar, dass, wenn kein Haar mehr in der Suppe sei, dieses einzig durch Diebstahl entschwunden sein könne. Ansonsten wäre es ja noch in der Suppe. Das Gericht verurteilte mich nach eingehendem Rückzug, das von einem Suppenmahl gekrönt war, ohne ein Haar darin gefunden zu haben, zu drei Monaten verschärfter Suppenhaft, wobei darauf zu achten sei, dass bei jedem Suppengang den ich zu verzehren hätte, ein Haar in der Suppe zu sein habe. Sicher können Sie nun verstehen wie hart mich die Strafe traf. Jedenfalls wünsche ich niemandem, auch nicht Ihnen, ein Haar in ihrer Suppe zu finden, wenn Sie es nicht bereits gefunden haben …




Dreisatzroman der Woche

S C H N E C K E N K R A T Z E R

Kürzlich sah ich auf einem Gang im heimischen Wald eine Schnecke sich nachdenklich am Rücken kratzen, dabei blickte sie unzufrieden auf ihr Haus und sprach: "Ach ist das klein, das Schneckenhaus, ich wein".

Ich suchte sie zu trösten mit dem Gang der Welt, zeigte ihr das hohe Himmelszelt, legte ihr ans Herz, das sei ihr Haus.

Als zwei Wochen später ich dann wiederkam, an die selbe Stelle, trug das Tier voller Stolz den ersten Schneckenkratzer den ich je sah, drei Klafter hoch, auf seinem glitschig Rücken, erdrückte sich fast ob der Last, sah mich an und wisperte mir zu: "den Himmel hast du mir versprochen einst, ich wachse hoch ihm zu, trage klaglos meine Last, die aufgebürdet du mir hast!"

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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 10. März 2017 schrieb M.L.:

"Beglückwünschen möchte ich die Menschen, die den Mut haben „Das Haar in der Suppe“ zu entfernen. Danke für die tiefsinnige Geschichte"


"Das Haar in der Suppe" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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LESUNGEN 2017

  • 29.
    NOV
  • LESUNG
    Stadtbibliothek Sursee

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