Kurzgeschichte der Woche

Das Hochzeitsgeschenk

Ja, was einem so alles geschenkt wird zur Hochzeit! Ein Potpourri von Gegenständen, eingewickelt in gute und noch bessere Wünsche! Wir hatten uns etwas rasch zur Ehe entschieden, wollten jedoch eine Feier, deren Erinnerung uns das ganze Leben begleiten sollte, nicht vermissen. So konnten wir keine Hochzeitsgeschenkwunschliste, uns grauste bereits vor diesem Wurmartigen Wort, erstellen oder gar im größten Haushaltsgeschäft unserer Stadt deponieren. Auf der Einladung vermerkten wir Deutsch und deutlich: ‘Bitte auf Geschenke verzichten’, da uns die Eltern, Großeltern, Freunde und alle kürzlich in den Hafen der Ehe eingefahrenen Bekannten gewarnt hatten, dass Hochzeitsgeschenke teilweise über Generationen stramme Füße hätten und so von Feier zu Feier, als seien diese danach süchtig, nimmermüde und nimmersatt, wandern würden. Leider hielt sich kaum ein Hochzeitsgast an unseren Geschenklos-Wunsch. Wir hatten den Eindruck, dass mit der Teilnahme und der damit zu opfernden Zeit, als Gegenleistung die Abgabe eines, oft vor Jahren überreichten Hochzeitsgeschenks zur Wohnungssäuberung einherging. Jedenfalls bogen sich die Geschenktische die von allen Festteilnehmern mit, so schien es uns, hämischen Lachen betrachtet wurden. Im Flüsterton, ich konnte Sätze, Satzteile und Silben im Vorbeigehen und Händeschütteln vernehmen, deren Sinn mir mit fortschreitendem Abend wie eine Erkenntnis aus dem Cyberspace aufgingen: Die Gegenstände die fein drapiert da lagen wurden wie wiedergefundene Freunde liebevoll mit Augenstreicheleinheiten bedacht, lagen vor Jahren wohl auch auf dem Gabentisch der Augen-Blicke verteilenden noch Ehepaare. Auch Einzelpersonen bedachten die Tische mit diesen Wiedererkennungs-Blicken.

Es bedurfte einiger Anstrengungen die Geschenkeflut in den dem Fest folgenden Tagen in unser kleines Reiheneinfamilienhaus das sich in dem eher als Gangsterbrutstätte verschrienen Quartier befand, ein kostspieligeres konnten wir uns nicht leisten, zu transportieren. Und die Flut, sie glich in den kleinen Räumen eher einem Tsunami, nahm schrecklich viel Platz in Anspruch, den wir doch so liebend gerne für uns in Anspruch genommen hätten. Wir hofften bereits jetzt auf zahlreiche Hochzeitsfeiern eingeladen zu werden um bald mehr Luft um uns genießen zu können. Die Berechnungen meines Ehemanns, er ist Mathematiker, zeigten jedoch ein verheerendes Ergebnis. Wenn wir alle unsere unverheirateten Freunde und Bekannten, inkludiert die Geschiedenen, zusammen addierten, hätten wir weit über 100 Lebensjahre erreichen müssen um alles wieder einem neuen Besitzer zuführen zu können. Und mein Einwand, dass ab dem Lebensalter von 75 Erdenjahren neue Eheschlüsse im Freundeskreis eher selten seien, die von meinem Mann bestätigt wurde, verschlechterte das Ergebnis nochmals dramatisch. Wir mussten eine andere Lösung finden. Die Heilsarmee? Die Müllabfuhr? Ein kirchliches Hilfswerk? Die Flüchtlingsfürsorge? Doch in all diesen Fällen würden die Geschenke in der Gegend bleiben und die Gefahr einer der Schenkenden könnte solche in einem Brockenhaus oder Surplus-Store wiederfinden und uns persönlich dadurch in ein mieses Licht stellen, verboten diesen Weg.

Ja bis eines Abends, wir feierten den 33. Hochzeitstag, also damit wir uns gut verstehen, den realen Dreiunddreißigsten Tag und nicht das entsprechende Jahr, öffnete mein Liebster eine Flasche Champagner die glücklicherweise als Exot sich auch auf einem der Geschenks-Tische des Hochzeitsfestes verirrt hatte. Dazu hatte ich kleine Leckereien vorbereitet die wir uns schmecken ließen. Je weiter der Abend, besser gesagt die Nacht fortschritt, je mehr amüsierten wir uns mit dem neu erfundenen Spiel ‘WOHINMITDENHOCHZEITSGESCHENKEN‘ und dachten uns die fantastischsten Entsorgungsmöglichkeiten aus. Von Groß-Feuer-Anzünden über Hochzeitsgeschenk-Bazar bis zur NASA, die doch diese einer Weltraum Besatzung hochschießen solle, die Männer und Frauen, von der Erde abgekoppelt, würden bestimmt großen Freude bereits beim Auspacken verspüren und wir machten uns gegenseitig die Ahh und Ohhs vor die in der Kapsel erklingen würden. Das Spiel endete dann in einem engen Tangotanz. Und dabei kam der geniale Gedanke! Nicht umsonst wohnten wir in einer eher umstrittenen Gegend. Wir beschlossen deshalb alle unsere Geschenke hübsch zusammenzustellen, um dabei richtig Lust zu erwecken, teilweise in Geschenkpapier verhüllt, die Gold schimmernden jedoch, damit diese zuwinkend blinkten, offen präsentiert. Anschließend die Haustüre unverschlossen, wie unbesbsichtigt einen kleine Spalt offen lassend, auf dass Diebe die Präsentation heimsuchen würden.

Am kommenden Abends setzten wir den Plan in die Tat um, hatten in einem schicken, für seinen langsamen Service und den hohen Preisen bekannten Lokal zum Nachtmahl reserviert und für die Mitternachtsvorstellung des Love Kinos Plätze besorgt. Und der Plan ging auf. Als wir nachhause kamen war alles leergeräumt. Alle Hochzeitsgeschenke verschwunden. Und da wir wussten, dass Hehler-Ware weit fort transportiert wurde, waren wir hochzufrieden und öffneten eine weitere Flasche Champagner die mein Mann prophylaktisch gekauft hatte und feierten die so tröstliche kriminelle Tat. Falls Sie auf einer Ihrer fernen Reisen, sehr geehrte Leserinnen und Leser, Sie einem Trödlerladen einem ihnen bekannten Geschenk begegnen sollten, bitten wir gemeinsam um Verzeihung, tun Kniesenkend Abbitte ...




Dreisatzroman der Woche

H E R B S T E S F A R B E N - S Y M P H O N I E

Siebenundsiebzig rot hab ich gezählt, alle vom natürlich Malermeister selbst gewählt, ach da ist er schon, der nächste rötlich Farbenton!

Wie ist der Herbst des Lebens reich, tief in mir die Lebensfarbestöne geben sich die Hand, tanzen im warmen goldenen Daseinssand.

Nicht zu blühen hab ich mehr, nur zu betrachten des Herbstes Töne fein, des Geschenkes meines Seins...


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"Das Hochzeitsgeschenk" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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