Kurzgeschichte der Woche

Das Laichenschauhaus

Meines Großonkels Stärke war Rechtschreibung nie. Er berichtete, nicht ohne Stolz in der Stimme, was ich nie verstehen konnte, von seinen katastrophalen Diktat Ergebnissen in der Volksschule. Er sei mit der Maximalzahl an Fehlern stets an der Spitze der Liste gestanden, habe man diese nur von unten her gelesen. Diese Worte, die ich seit meiner Jugend so oft zu hören bekam, klingen noch in meinen Ohren, obwohl der Großonkel längst verstorben ist. Dass ich kein Verständnis für seinen schwarzen, absonderlichen Humor haben kann liegt auf der Hand, bin ich doch Deutschlehrer am hiesigen Untergymnasium und schlage mich beinahe täglich mit den so mangelhaften Orthographie Leistungen meiner Studenten herum.

Den Vogel abgeschossen hatte mein Verwandter, als der Bruder meiner Mutter ganz aufgeregt zu meinem Vater kam und ihm mit zitternden Händen berichtete, dass er mit einem Freund ein neues Unternehmen, ein Laichenschauhaus eröffnet habe und nun dabei sei die Bewohner dazu zu finden, ob mein Vater mit seinen zahllosen Kontakten in die Politik ihm dabei helfen könne. Ich muss hier anmerken, dass mein Erzeuger neben seiner Lehrtätigkeit in der Landespolitik mitmischte, er war Parteivorsitzender eines Regionalablegers, natürlich der streng auf Tradition beruhender, wie konnte es auch für einen der Orthographie sein Leben verschreibender Mensch anders sein, politischen Organisation, in der in meinen Augen vor allem Greise und Hinterwäldler ihre Heimat fanden. Natürlich wurde mein Vater, ich erinnere mich genau weil ich, zwar nicht absichtlich sondern zufällig dabei stand, beim Anliegen meines Verwandten käsebleich und schüttelte wütend, Blitze auf den Onkel werfend, sein Haupt, sodass die einzige, sonst ganz ordentlich mit Brillantine festgeklebte, Haarsträhne sich löste und in wildem Tanz seine hohe Stirn umgaukelte. Er schrie mit emotionsgeladener Stimme meinen skurrilen Onkel an, wies diesen zurecht, indem er auf das in seinen Augen hohe ihm anvertraute politische Amt hinwies. Dabei stieß er nicht nur wilde Drohungen aus, vielmehr schritt er zur Tat und entwandte den Onkel kurzerhand.

Ja, dieses Wort benutzte er, obwohl es nicht im Duden verzeichnet war. Aber Emotionen, das kann ihnen jeder Psychiater bestätigen, fördern die Kreativität in unbeschreiblichen Masse, was bei einem so exakten Deutschlehrer unbarmherzig und vom Beruf aus ungewollt, zu Wortkreationen führte. Einem Wort das die Beendigung des Verwandtenverhälnisses anzeigen sollte. Er wolle keineswegs ins Kittchen (auch dieses Unwort benutzte er in seiner Überwut (entschuldigen Sie, jetzt beginne auch ich in Erinnerung an den Vorfall in Gefühlen zu baden, was zu Wortentgleisungen führt, über die sich mein Vater im Grab umdrehen würde), wolle mit Leichen nichts zu tun haben. Geschweige denn mit einem Leichenschauhaus. Der Großonkel, der ja jetzt nach dem Urteilsspruch meines Vaters nicht mehr mein Onkel war, sondern nach der Entwandtnung ein mir wildfremder Bekannter, ging gesenkten Hauptes von dannen.

Jahre später erfuhr ich von einem Studienfreund, ich hatte mit ihm das obligatorische Praktikum als Hilfslehrer in der strengen Internatsschule absolviert bevor er den Beruf als Insolvenzverwalter ergriff, dass besagter Nichtverwandter sein Laichenschauhaus in dem er das Laichen von Fischen den Schulen näher bringen wollte, mangelnder Besucher und Finanzmitteln wegen, in einem spektakulären Konkursverfahren hatte aufgeben müssen.




Dreisatzroman der Woche

U N

(Lebensrettungsrag in Blue)

In meiner Wiese vor dem Hause, längs ins Gras gestreckt, lausche ich den Pflanzen bei ihrem Morgenschwatze zu, der Tau bedeckt und voller Sehnsucht nach der warmen Sonne, ihnen locker von den gräsern Lippen geht.

Kraut bin ich und weiß und stolz, spricht die Margeritte mit leicht geschützter Lippe, versucht sich beugend etwas zu entrücken von der für sie bedrückend Nachbarschaft.

Un, un, un, singt das Unkraut heiter, als durch meine Hand der Stängel bricht entzwei der Margeritte, denn ich bin mit der stolzen weißen Blüte einig, im Blumenstrauß den ich räkelnd pflück, darf kein Unkraut sein!


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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 16. September 2017 schrieb ein anonymer Leser:

"Humor, herrlich. "


"Das Laichenschauhaus" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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