Kurzgeschichte der Woche

Das Leben ein Würfelspiel

Eine zweischneidige Kriminalgeschichte von François Loeb

Ich sass an meinem Schreibtisch. Ganz hinten im Grossraumbüro. Den hat mir der Polizeipräsident, nicht etwa als Auszeichnung, viel mehr als Strafe nach meiner grossen angeblichen Fahndungspanne, in seinen Augen handelte es sich um eine solche, in meinen keineswegs, zugeteilt. Ein Bleistiftspitzer war die einzige technische Ausrüstung, ansonsten war der Schreibtisch beim Antritt vor 7 Monaten vollständig leer. Kein Bildschirm zierte ihn, denn ich sollte keinen Zugang mehr zu Polizeidaten haben. Ja, sinnierte ich vor mich hin, wenn du denn Falschen erwischt, der zwar der Richtige, aber in höchsten politischen Kreisen angesiedelt ist, kann das geschehen. Und ich hatte mein Los mit Würde zu tragen, denn die Rente winkte bereits in einem kleinen Zweijahresschritt. Vom ersten Tag meines neuen Schreibtischortdaseins, ich hatte mein privates Mac Book als täglichen Begleiter und Tröster bei mir, fühlte ich mich von Kolleginnen und Kollegen gemieden. Denn wer wollte schon mit einem Loser gesehen werden, wer wollte mit einem solchen in Verbindung treten. Die Ungerechtigkeit der Fahndungswelt traf mich zu Beginn wie ein Axthieb der danach trachtete mein Leben auszuradieren. Doch auch mit einem solchen virtuellen Schlag lernt ein Mensch, ein abgehärteter wie ich, darauf war ich besonders stolz, zu leben. Ich verbrachte die exakt abzuarbeitenden Stunden mit Wettervorhersagen, untersuchte akribisch die Lottozahlenfolgen bis ins letzte Quäntchen. Erfolglos bis jetzt, denn leider waren es stets andere Zahlenfolgen die zu den Gewinnern zählten. Auch hier ein echter Loser stellte ich mit einem sich einschleichenden Eigenmitleidsgefühl fest. Doch auch bei einer durch Obrigkeitshand verordneten Nullarbeitsdiät stirbt die Hoffnung zuletzt.

Als ich nach 6 Monaten hinter die Schliche der Wetterfrösche kam, die alle Vorhersagen so mit Adjektiven spicken, dass alles hineinlesbar ist und sie bestimmt nie eine Schuld treffen würde falls ein Unwetter oder gar ein Tornado Verwüstungsschneisen in die Landschaft schlägt, verbuchte ich mir selbst gegenüber den ersten Strafschreibtischfahndungserfolg. Hätte ich als leitender Ermittler damals doch auch zwei- oder gar zwanzigdeutige Worte in meinen Korruptionsermittlungsbemühungen gewählt, ich würde heute nicht an dieser Stelle sitzen, vielmehr mich an der Mediensonne räkeln können.
Mehr befasste ich mich aber mit den Lottozahlen, denn dort winkten Freiheit und Kündigungsmöglichkeit. Ja, auch Bleistiftspitzmaschinen Rückgabe für den nächsten glücklosen Ermittler. Jedenfalls solange der damals von mir Beschuldigte seine Macht ausspielen, sich über alle Polizeiarbeit hinwegsetzen konnte. Die Lottozahlen purzelten jeden Mittwoch und Samstag wahllos durcheinander trotz, oder gerade meiner Ermittlungen wegen, so dachte ich damals. Kein System wollte sich ergeben.

Keine Logik in den Zahlenreihen. Das reinste Chaos das ich so sehr hasse. Ich muss ordnen können. Puzzleteile zusammensetzen. Eins nach dem anderen. Nie aufgeben. Nie den Bettel hinwerfen. Äusserste Durchhaltekraft die mich einst auszeichnete und zum Sturz, oder besser zur Schreibtischverbannung hinführte.
Bereits einige Tage aber war mir eine Kleinigkeit aufgefallen. Eine Winzigkeit. Es sind aber diese die mich jeweils, als ich noch in voller Polizeipräsidentengnade stand, zu Höchstleitungen auffahren liessen. Immer zwölf Stunden vor Ziehung der Lottozahlen war ich auf einer Internetseite (meinem Mac Book und meiner Flatrate sei Dank), ich darf es kaum zugeben, auf einer Pornseite, ich hatte ja unendlich Zeit und musste mir diese um die Ohren schlagen, fand ich eine unendlich lange Zahlenreihe. Zählte ich von der ersten Zahl die Zahl der Monatstage ab, fand sich eine Zahl, dann musste ich die Zahl 90 suchen und dort 3 Zahlen zurück, also 87, dann 84 suchen und die erste Zahl aufwärts passte dann erneut in die Gewinnerzahlenreihe. Ich fiel nach dieser Entdeckung beinahe vom harten Bürostuhl. Da manipulierte also jemand die Zahlen, besser gesagt sie wurden jemandem mitgeteilt, der diese dann bequem in seinen Lottozettel eintragen und den Gewinn kassieren konnte. Ich war damals so entsetzlich hin und her gerissen. Was sollte ich unternehmen? Meinen Vorgesetzten Meldung erstatten?

Keiner würde, davon war ich überzeugt, der Spur nachgehen, zu stark war ich in den sieben Monaten zum Einzelgänger, zum von der Kollegenschaft so gesehenen einsamen Spinner mutiert. Also aus meiner Entdeckung grösstmöglichen Nutzen ziehen. Meine Freiheit mit diesem systematisch ablaufenden Verbrechen erkaufen. Meine Polizistenseele wehrte sich heftig dagegen. Die in mir schlummernde Rachegöttin jedoch trieb mich dazu. In den darauf folgenden Wochen begann ich Menschen zu verstehen die unter einer gespalteten Persönlichkeit litten. So erging es mir zu jenem Zeitpunkt jedenfalls. Halb Polizeibeamter, dann wieder Verbrecher, es war eine scheussliche Phase meines Lebens am Strafschreibtisch. Schlussendlich siegte mein Gewissen. Ich wählte den Weg über WikiLeaks. Anonym. Legte meinen Verdacht offen dar. Die Medien nahmen den Faden auf, denn schliesslich ist Lottospielen ein Volkssport der mit millionenfachen Hoffnungen verbunden ist. Die Untersuchungen begannen. Als aber gestern neben meinem Schreibtisch zwölf weitere, mit Bleistiftspitzern ausgerüstete Schreibtische zuhinterst in unserem Grossraumbüro aufgestellt wurden, wusste ich was es geschlagen hatte.
Von meinem Vater aber hatte ich gelernt allen Dingen immer die positive Seite abzuringen: Immerhin war ich in der Loser-Kategorie um zwölf Stellen aufgerückt ...

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"Das Leben ein Würfelspiel" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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