Kurzgeschichte der Woche

Das Leben leben

Ich ergehe mich in den öffentlichen Gärten dieser Stadt. Überlege mir wie ich hierhergekommen bin. Kann mich nicht erinnern. Blackout. Nun das soll es geben. Gestern so viel getrunken, dass die Erinnerung ertrunken ist. Nun, nur keine Panik. Das habe ich von meinem Großvater gelernt. Als er noch auf dieser Erde wandelte. Wie ich hier in diesen herrlich blühenden Gärten. Herrlich blühend? Ist doch Januar. Muss alles Stein und Bein gefroren sein. Januar alles in Blüte? Bin ich in den Süden entkommen? Auf die Südhalbkugel. Dort ist im Januar Sommer. Oder etwa nicht? Der Gedanke beruhigt mich. Muss wohl einen Flug gebucht haben. Einen langen. Und gezecht haben im Flieger. Bis zum Gehtnichtmehr. Doch wie bin ich in diesen Garten gekommen? Übrigens mein Großvater betonte stets, wenn Unvorhergesehenes gesehen wird, nur nicht aufregen. Nicht in Panik geraten. Das K betonte er immer besonders. Ein Kratzgeräusch verursachten seine Stimmbänder bei diesem Buchstaben. Ich erinnere mich genau. Nun, ich will seinen bestimmt jetzt himmlischen Rat befolgen. Nicht in Panik geraten. Die Blütendüfte genießen. Nicht hinterfragen. Einfach annehmen, dass es im Januar herrlich sein kann. Wo auch immer. Nur hätte ich einen Riesen Rausch gehabt würde mein Schädel jetzt brummen wie ein Hummelnest. Bauen Hummeln Nester? Was für eine Frage. Irgendwo haben die ihre Brut aufzuziehen. Ihnen das Brummen beizubringen, das ich bereits so oft erlebte. Aber nicht jetzt. Mischen die Fluglinien als neue Dienstleistung Antibrumm in die alkoholischen Getränke. Zuzumuten ist es deren Marketingfritzen jedenfalls. Ich erlebe ja ‘modern Times’. Zukunft. Zukunft jetzt.

Genieße das, würde mein Großvater mir jetzt raten. Keine queren Gedanken wie Du hierhergekommen bist, zeigt mein linker kleiner Finger zu meiner Schläfe dabei. Wohlverstanden nicht der Zeigefinger. Ich bewege mich leichtfüßig, fühle dabei kein Schwergewicht, keine irdische Schwere dabei. Eile, oder besser ausgedrückt schwebe zum Musikpavillon hin, das sich auf einer leichten Anhöhe befindet. Dessen kupfernes Dach dabei die schweren, schwarzen Gewitterwolken liebkosen. Wünscht es sich Blitz und Donner? Endlich eine Entladung um sich danach nicht mehr fürchten zu müssen. Die wundersamen Blumen, die Blüten der Bäume, blicken ebenfalls dem Himmel zu. Versprechen sich köstliches Nass. Aus dem All. Alltags Futter für deren Wurzeln. Was verspreche ich mir eigentlich in diesem öffentlichen Garten, von dem ich nicht weiß wo er sich befindet, wo ich mich befinde. Da kommt mir gebeugt, mit wehender weißer Mähne und einem wallenden Rauschebart ein Greis entgegen. Soll ich ihn befragen? Mich erkundigen wo ich mich befinde. Wie ich hierhergekommen bin. Er kann mir mit seiner Lebenserfahrung bestimmt helfen. Eine Antwort erteilen.

Ich nehme allen Mut den ich besitze als Klüngel aus der Hosentasche. Presse ihn als sei er ein Gummiball. Wie nur soll ich den alten Herrn ansprechen? Möglicherweise sieht er kaum noch. Ist schwerhörig. Auf seine Schultern klopfen, als sei es ein alter Kumpel? Nein, das geht wohl nicht. Respekt vor dem Alter muss sein. Auf die Knie fallen? Unmöglich der ungekämmte Kerl ist doch kein höheres Wesen. Er kommt näher. Seine Augen zu Boden gerichtet. Wird an mir vorbei wandeln, wenn ich ihn nicht anspreche. Mein Herz fällt in die Hose. Jetzt verstehe ich zum ersten Mal das Sprichwort wörtlich. Werde ihn vorbei wandeln lassen. Jetzt bleibt er stehen. Ein winziger Meter vor mir. Das ist nicht möglich! Vor mir steht ein Jüngling. Sieht mich lange an! Nimmt mich bei der Hand. Drückt den kleinen Finger der zuvor zu meiner Schläfe zeigte. “Komm mit! Ich zeige Dir den Ausgang. Zu früh für dich. Lebe das Leben! Genieße jeden Tag als sei es Dein Erster. Oder Letzter. Auch wenn Du ein Greis oder ein Jüngling bist.“ Und ich befinde mich im Alltag wieder. Bemühe mich das Erlebnis wortgetreu auf Papier zu bannen. Hoffe, dass es mir gelingen möge...




Dreisatzroman der Woche

F L I E G E N S O N N N E N L I E D

Sich morgensonnend auf dem grünen Blatt, die Flügel weit gespreizt im frischen Morgenduft, sinnt die Fliege schillernd nach über ihr ach so kurzes Leben.

Wäre ich doch ein Fliegenpilz, würden fliegen um mich Fliegen und ich könnte dann das Ende nicht einzig nur besiegen, nein es auch legen andern Wesen in die Wiegen.

Doch bin ich eine schwarze Fliege, seit ich entklomm der Fliegenwiege und auch wenn ich mein Leben heftig biege, ich bleibe eine sich morgensonnend schwarze Fliege.


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"Das Leben leben" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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