Kurzgeschichte der Woche

Der Geldautomat

„Wie jeden Donnerstag gegen 13.30, da ist in unserem Dorf mit Ausnahme der Gastwirtschaft Mittagspause, schreite ich gemessenen Schritts zu unserer kleinen Bankfiliale um mein Wochengeld abzuheben. In Erstaunen setzt mich beinahe jede Woche, dass dieses kleine Bankschalterhaus noch nicht der Rationalisierung des sparsüchtigen Managements zum Opfer gefallen ist. Aber vermutlich hält der Multimillionär der im hinteren Tal, nahe beim Schutzwald das Kleingehöft vor beinahe 2 Jahren erworben hat, dieses zu seiner ländlichen Residenz ausbaute, die schützende Hand gegen die Zahlenfetischisten des Hauptsitzes des Geldinstituts. Denn wer wollte auf seinen monetären Segen verzichten. Bestimmt nicht einmal die Sparakrobaten, die in jedem Monatslohn einen Erzfeind sehen den es zu eliminieren gilt. Ich bin dem Unbekannten, noch keiner im Dorf hat ihn in Fleisch und Blut gesehen, nie begegnet. Einzig Limousinen mit abgedunkelten Fenstern brausen, die Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h missachtend, beinahe täglich über die holprige Dorfstrasse in Richtung Waldrand. Spannend ist, dass es sich immer wieder um andere Nobelmarkenfabrikate handelt. Ich selbst habe bisher nie zwei gleiche Wagen gesichtet. Ob jedes Mal andere Insassen, wenn überhaupt welche, sich nach oben chauffieren lassen, oder ob es sich um geheime Papierlieferungen handelt, auf dass der Geheimnisvolle seine Geschäfte abwickeln kann, Geschäfte wohl die das Tageslicht der Sonne oder des Internets wie der Teufel das Weihwasser scheuen. Ich nehme an, dass selbst der Bürgermeister, ein Landwirt aus altem Schrot und Korn darüber kein Bescheid weiss, obwohl er abends am Stammtisch damit prahlt bereits einige Male Gast beim Unbekannten gewesen zu sein. Wenn wir dann nachfragen wie er denn aussehe, was er berichte, zieht er sein, die Stirnfalten dabei geheimnisvoll nach oben drückend, Ich-weiss-nichts-Gesicht auf und beruft sich auf sein Amtsgeheimnis.

An diesem Donnerstag, die Witterung ist unbeständig, sodass ich meinen Regenschirm und den Schlapphut mitgenommen habe, bin ich wieder vor der Türe unserer so treuen Filiale die wie immer um diese Zeit samt Bankbeamten in der Siesta schlummert, stecke meine Bankkarte in den für die Sesam-öffne-dich Funktion vorgesehenen Schlitz neben dem Eingang. Die Schiebetür gleitet auch brav auf. Ich stelle mir immer vor, dass diese sich vor mir verneigt. Vor mir, der doch nur das geringe Wocheneinkommen bezieht, wohl genau gleich wie vor dem Unbekannten, mit Ausnahme, dass dieser nie eigenhändig Geld beziehen würde. Vielmehr lasse er sich dieses, so jedenfalls redet es mir meine bocksprunghafte Fantasie ein, vom Bankdirektor auf einem Silbertablett überbringen. Der Vorraum in dem der Geldautomat in der Wand eingelassen vor sich her schlummert ist wie immer am Donnerstag um diese Zeit menschenleer. Ein Stein fällt mir deshalb vom Herzen, obwohl es nur ein kleiner Kieselstein ist, da ich mich an diese Situation über die Jahre gewöhnt habe. Es wäre für mich ein Albtraum noch jemanden ausser mir hier beim Geldabheben vorzufinden, denn was könnte da alles geschehen. Mein Code, den ich sicherheitshalber alle Monate ändere, könnte geknackt, meine Bankkarte mir aus der Hand geschlagen werden.

Mein karges Wochengeld mir entrissen, ich zu Boden geschlagen, oder gar ermordet werden. Wie immer trete ich an den Automaten. Sage einzig mit Lippenbewegungen die Zahlenreihe die ich mir aus Geburtstagsdaten, rückwärts dargestellt für diesen Monat gemerkt habe, tonlos vor mich hin. Ein leises Surren bringt mich um die nötige Konzentration. Ich sehe eine kleine Fliege die emsig um die Tastatur des Automaten kreist. Hat jemand mit verschmutzten Händen vor mir seinen Code eingegeben? Die Menschen werden ja immer unhygienischer las ich erst kürzlich in der Lokalzeitung. Die Fliege setzt sich auf Tasten. Immer und immer wieder. Mir graust. Was kann ich mir für Krankheiten einhandeln wenn ich jetzt meinen Code eingebe. Ich nehme mein Taschentuch. Dann den Flachmann, den ich stets für den Fall eines Unwohlseins bei mir trage (für alles gewappnet sein im Sein, hat mir einst mein Grossvater beigebracht), aus der Busentasche herausnehmen. Das Taschentuch mit dessen Inhalt benetzen, einen tiefen Schluck zur Mut Fassung genehmigen, und beginne die Tasten damit zu reinigen. Doch die Fliege lässt es nicht. Setzt sich immer wieder auf die Zahlen. Ich wische hinterher. Benetze erneut mein Schnupftuch. Es folgt ein weiterer Schluck. Die Fliege taumelt bereits. Ich beobachte sie genau. Verfolge jeden ihrer Flüge. Ihrer Absetzer. Bis ich erkenne, dass diese eine dreizehnstellige Zahlenreihe anfliegt. Entschliesse mich trotz Ansteckungsgefahr diese an der Tastatur des Geldautomaten einzugeben. Er beginnt laut zu rattern. Ich erschrecke. Aus dem Geldschlitz quellen nun Noten um Noten. Plätschern als sei es ein Wasserfall (ein Notenfall flüstert mir mein Seelenschalk aus dem Unterbewussten ins linke Ohr) munter zu Boden. Ein Luftzug (woher kommt dieser?) lässt die Papierflut munter durcheinanderwirbeln, die Schiebetüre hat sich geöffnet, Schwarz vermummte Gestalten, (oh, denke ich Bankräuber!) füllen den kleinen Vorraum. HALT ÜBERFALLKOMMANDO scheppert ein Megaphon …, ja, Herr Richter so hat sich alles abgespielt …“
Diese Szene spielt sich seit 7 Jahren immer wieder jeden Donnerstag pünktlich um 13.30 vor meinem geistigen Auge in meiner Zelle während der Gefängnissiesta bildlich ab. Unangenehm wird es für mich nur dann, wenn dazu eine Fliege um mich flirrt und sich immer wieder auf die gleichen Stellen meines Körpers setzt, obwohl ich der Körperhygiene hier mehr denn je Beachtung schenke. Was wäre, wenn plötzlich ein Notenfall sich meiner bemächtigte …? Was …?

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"Der Geldautomat" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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