Kurzgeschichte der Woche

Fünfunddreissig Päkli

(aus dem soeben erschienen Buch TRAM AUGENKITZEL FÜR PENDLER,Somedia-Buchverlag, ISBN 978-3-906064-67-3)

Die Weihnachtszeit ist stets eine hektische Zeit. Ich denke oft, dass kurz vor dem Fest die Welt untergehen muss, so aufgeregt sind dann die Menschen in der Stadt. Ob Gross oder Klein, alles ist in Aufregung und eilt umher, als ob unsere Agglomeration ein Ameisenhügel wäre, in dem ein unbedarftes Kind herumstochert. Für uns, die den öffentlichen Verkehr sicherstellen, gilt nun doppelte Vorsicht. Die Fussgänger eilen, ohne sich umzublicken, über die Strasse. Die Trams sind überfüllt. Die Menschen rempeln sich trotz des nahenden Freudenfestes gegenseitig an und kommen sich in die Quere. Sie brechen Wortgefechte vom Zaun und sparen mit Freundlichkeiten, wo es nur geht. Es ist schon häufig vorgekommen, dass ich schlichtend eingreifen musste, sei es über mein Mikrofon, sei es durch das Verlassen meines Führerstandes. Erst an Heiligabend, wenn die Familien mit Vorbereitungen fürs Fest zu Hause beschäftigt sind, tritt eine ruhigere Zeit ein. Das Erlebnis, von dem ich erzählen will, ereignete sich am Heiligabend vor drei Jahren, also vor etwas mehr als dreieinhalb Jahren. Die Wuselhektik der vorangegangenen Wochen war bereits abgeklungen. Und ich genoss zudem den ausgelichteten Fahrplan, denn der schon auf den kommenden Feiertag eingestimmte Fahrrhythmus erlaubte längere Halte an den Endstationen und durch die verminderte Einsatzdichte unserer Fahrzeuge herrschte bedeutend weniger Gedränge an den Lichtsignalanlagen und Schienenkreuzungen, sodass ich auch im Stadtzentrum wesentlich schneller vorankam als an üblichen Werktagen

Gut so, dachte ich, habe genug vom Vorfestgetümmel. Dieser Konsumrausch reisst ja sogar den Vernünftigen den letzten Nerv aus. Meine Passagiere hingegen waren noch nicht entspannt. Die Mehrheit rannte immer noch düsteren Gesichts Pflichtgeschenken nach. Die Stirnfalten übertrugen sich wie Wellen von Antlitz zu Antlitz. Ich stellte mir damals vor, wie unter dem Tannenbaum von diesen Menschen so manches Gewitter ausbrechen würde und wie sich die enttäuschten Kindergesichter dann kaum mehr auf die Gaben freuen könnten. Weshalb, fragte ich mich, sind die elementarsten Präsente wie hingebungsvolle Liebe und Hingabe dem Nächsten gegenüber in unserer Zeit unter einer Schicht Internet- und Smartphonestaub vergraben worden? Ist das der Fortschritt, den wir anstreben?, dachte ich und nahm mir vor, mein eigenes Verhalten zu überprüfen und mich mehr um meine Mitmenschen zu kümmern und ihnen Gutes angedeihen zu lassen. Denn war nicht das der Sinn des Freudenfestes mitten in der dunklen Jahreszeit? Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als ich im
Rückspiegel eine elegante Dame sah, die in meinen Wagen einzusteigen versuchte und der das auf Anhieb nicht gelang. Zu breit war sie mit einer Unzahl von Tüten und Schachteln beladen. Darauf versuchte sie, querwegs einzusteigen, was ebenfalls misslang. Ich war überzeugt, dass sie am liebsten die Hände ob der Situation verworfen hätte, jedoch wegen der fünfunddreissig Pakete, wie ich nach kurzem Blick schätzte, ihre Handlungsfreiheit verloren hatte.

Schon seit neunzig Sekunden versuchte sie, in den Passagierraum zu gelangen. Doch jeder neue Positionswechsel misslang. Da entschloss ich mich, meine Kabine zu verlassen und der Frau zu helfen, hatten sich doch meine Gedanken gerade um diese Frage hin und her bewegt. Hier war die Gelegenheit, Nächstenliebe umzusetzen. Ich verliess also mein Fahrzeug durch die vorderste Türe schritt gemessenen Weihnachtsschritts nach hinten zu der Dame, die mit ihren Paketen einen ungleichen Kampf austrug, und bat sie, mir doch einen Teil des Gepäcks anzuvertrauen, ich würde es ihr hineintragen. Da sah sie mich mit geweiteten schreckerfüllten Augensternen an und bemerkte, sie gebe keines der wertvollen Geschenke aus der Hand. Diese seien für das Städtische Waisenhaus bestimmt und das eigenhändige Überbringen sei ihr persönliches Weihnachtsgeschenk, gebe es doch nichts Wertvolleres an Heiligabend als das Strahlen von überraschten Kinderaugen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihr die notwendige Zeit zum Einsteigen zu lassen, während ich mich für die restliche Dienstzeit virtuell in das Strahlen der beschenkten Kinder versetzte. Das Vorhaben der Dame und ihre warmen Worte versöhnten mich mit unserer Zeit. An den Weihnachtsmann hatte ich mit fünf Jahren aufgehört zu glauben, doch seit diesem Erlebnis glaube ich an die Weihnachtsfrau!

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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 23. Dezember 2016 schrieb ein anonymer Leser:

"Schöne Geschichte, Wärme, Ruhe und irgendwie Befriedigung kehrt ein.Chapeau.."


"Fünfunddreissig Päkli" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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    NOV
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