Kurzgeschichte der Woche

Gegen-Wart

Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages Gefallen an dem kauzigen Haus-Wart finden, mit ihm Plauderstündchen oder zumindest Viertelstündchen abhalten würde. Er wusste einfach über alles Bescheid. Müllers vermissten seit 3 Tagen ihren Haustiger. Bedachten schreckensvolle Szenarien. Dass er in der Bratpfanne der Familie im fünften Stock gelandet sein könne. Denn von dort duftete es seit Stunden nach Braten, dass selbst den beiden, so der Haus-Wart, der Speichel im Mund zusammenlaufe. Heinzens hingegen waren darüber entsetzt, dass seit Monaten ihr Briefkasten geplündert werde und da sie von einer Hellseherin die Voraussage erhalten hatten das große Los zu ziehen, fürchteten Heinzens die Gewinnbenachrichtigung werde in falsche Hände gelangen. Aber zur Polizei ohne handfeste Beweise, das gehe doch nicht. Und Raschers Fünfjährige sei immer noch eine Bettnässerin. Das komme von der laschen Erziehung der Mutter, bemerkte er mit abwertendem Blick zur Wohnung.
Nun, früher habe ich keinen Pfifferling auf solche Gerüchte gegeben. Aber nach meiner Pensionierung begann ich den Schwatz zu schätzen, regte er doch meine Fantasie an und führte mich dazu die Umgebung in der ich wohnte besser zu beobachten. Denn mit leeren Händen wollte ich dem Haus-Wart nicht entgegentreten. Er sollte auch von mir Dinge erfahren die er weiter verbreiten konnte. Immerhin betrachtete er mich als vertrauenswürdige Quelle, was meinem angeschlagenen Selbstbewusstsein schmeichelte. Von einem Tag zum anderen zum alten Eisen zu gehören das nur noch ein Ziel vor Augen hat Rost anzusetzen ist nicht das Gelbe vom Ei und zerrt schwer an den Nerven. Ja, zehrt diese langsam aber sicher auf. Gestern zog mich der Haus-Wart in eine Ecke des Innenhofs. Fragte ob ich einige Augenblicke für ihn Zeit hätte. Was mich erstaunte, denn ich habe immer Zeit und die Unterhaltungen die ich so schätze unterbricht stets er mit dem Argument er habe noch viel Arbeit zu erledigen, was bei mir immer Neidgefühle aufkommen lässt.

“Ganz im Vertrauen”, begann er, „mir wurde ein neuer Job angeboten für den ich, mit meinen Erfahrungen sozusagen geboren bin. Aber ich will mich doch noch versichern ob es klug ist den heutigen zu 100 Prozent sicheren Arbeitsplatz aufzugeben.” Ich ließ auf meinem Gesicht Interesse aufblitzen. Hatte ich in meinem Verkaufsleiterberuf bis zur Ohnmacht einsetzen müssen, wandte dem Haus-Wart mein besser hörendes Ohr zu. Das andere ziert ein klobiges Hörgerät. Stellte die Körperhaltung mit Erfolg auf Fragezeichen, sodass er gleich weiter das Wort an mich richtete. “Ich soll Gegenwart werden. Verstehen sie mich richtig, Gegen-Wart. Ich werde in der Gegenwart alles was gegen ist warten, sodass das gegen obsiegen und uns in die Zu-Kunft führen wird. Ist es nicht eine wundervolle Aufgabe die mir angeboten wird? Das Morgen zu beeinflussen. Es zu gestalten als Gegen-Wart?” Ich nickte ihm vertrauensvoll zu und verzog mich ins Gestern, das doch alles ohne Gegen-Wart noch offen lässt ...

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Einige Kommentare zu dieser Kurzgeschichte:

Am 17. Dezember 2016 schrieb ein anonymer Leser:

"Unterhaltsam geschrieben, aber auf Kosten des Clischées "schwatzhafter, gerüchteverbreitender Hauswart". Schade!"

Am 16. Dezember 2016 schrieb H.L.:

"Es sind Kurzgeschichten, die Tiefgang haben und doch schmunzeln lassen. Da ist jemand, der sich nicht allzu ernst nimmt und mit Weisheit und Humor das Alltägliche wahrnimmt. Weiter so. "

Am 16. Dezember 2016 schrieb H.K.:

"Mein lieber Herr Loeb, zwischen den Hiobsnachrichten.....etwas Erfreuliches: Ihre Haus-Wart und Gegen-Wart Geschichte. EIne zuerst witzige Hausgeschichte, die wie so oft ins Aburde umkippt. Hut ab vor Ihrer Phantasie, Sie verstehen es, mit eine Ruck ins Unerwartete zu steuern. Ihre Schrebmethode ist frappant! So wünsche i. Ihnen ein schönes WE, mit nur positiven Überraschungen! "


"Gegen-Wart" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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