Kurzgeschichte der Woche

Magnetkarte

Einkaufen! Gehört zu meiner morgendlichen Pflicht. Gemüse. Brot. Eier. Ein Hähnchen. Die Kinder, beinahe bereits erwachsen und der Ehemann wollen ernährt werden. Und das durch den Tag. Nachts arbeite ich als Pflegehilfe im Stadtspital. Nachtwachen-Hilfe. 5 Nächte in der Woche. 2 Nächte frei. Da kann ich ausschlafen. Fernsehen. Bücher lesen. Die Müdigkeit packt mich dann jedoch am Nacken. An den Haaren. Lässt mich nachholen. Aber zurück zu meiner morgendlichen Pflicht. In jedem Laden ärgere ich mich über die Wartezeiten an der Kasse. Ältere Kundschaft denen das Geldzählen Mühe bereitet. Oder die dabei ihre tägliche Wortnahrung mit der Kassiererin verschlingen. Ja, ich kenne das aus den manchmal ellenlangen Nächten. Wenn Patienten mir ihr Herz ausschütten, um sich zu erleichtern. Und ich ihnen dafür kein Gefäß hinstellen kann, sondern wortlos die Wortschwemmen über mich ergießen lasse. Endlich habe ich meinen Einkaufszettel abgearbeitet. Reibe mir die Augen. Der Schlaf verlangt seinen Tribut. Nur noch die Speisen zubereiten. Tisch decken. Dann eine Handvoll Traumwelt zu ergattern suchen. Hoffend, dass kein Geklingel irgendwelcher Art mich aufschrecken lassen wird. Hauslieferungen. Wasserzählableserei. Postbotengeklingel. Barmherzigkeits-Forderer. Zumindest keine Gerichtsvollzieher. Das fehlte mir gerade noch, denkt mein müdes Hirn. Schwer beladen trete ich den Heimweg auf dem Bürgersteig an. Steil geht es bergauf. Gut für die Gesundheit. Das Steigen. Das Ausseratemkommen. Behauptet jeweils der Nachtdienstjungarzt. Belegt es mit Statistikkurven. Die ich hasse. Noch 3 Kurven, dann bin ich zuhause. In unserem kleinen Paradies. Einer ehemaligen Scheune. Hmm! Da liegt eine Plastikkarte am Boden. Bank Card? Zugang zu einem Safe? Zu einem Nachtclub? Ich bücke mich danach. Nicht einfach mit der Ladung die ich zu tragen habe.

Ein Apfel kullert aus dem Einkaufskorb. Soll er kullern. Vögel werden sich daran gütlich tun. Meine Guttagestat damit erfüllt, lächle ich in mich rein. Schaue ihm nach wie er die Straße hinunter rollt. Erst dann untersuche ich die Karte. Ein Magnetstreifen ziert sie. In der Fundstelle der Gemeinde abgeben. Bin doch kein Dieb! Ohne Namen, die Karte. Was sollen die damit anfangen. Will keine unsinnigen Arbeiten aufbürden. Zahle bereits genügend Steuern auf meinem kargen Gehalt. Nettoauszahlung trotz Nachtzulagen unzureichend! Stecke die Karte ein. Irgendwann kann diese mir dienen, sagt mir mein innerer Schelm. Schreite erschöpft meinem Eigenheim, auf das ich so stolz bin, zu. Die Linde auf dem Weg beginnt bereits auszuschlagen. Das Frühjahr naht! Was freue ich mich auf das Grün. Doch irgendwie sieht der Baum heute anders aus als gestern. Die Rinde ist gewellt. Leuchtet in einem beinahe magischen rot. Komisch: Ein Riss im Stamm. Habe ich bisher nie beachtet. Oder halluziniere ich des Schlafmangels wegen bereits. Meine innere Stimme ruft mich zur Ordnung. Unsinn, sagt sie, da ist kein Riss. Und dann, ganz überraschend: „Für was hast Du die Magnetkarte gefunden? Steck diese einfach in den Schlitz“. Ich will eigentlich nicht auf sie hören. Muss aber. Beinahe schlafwandelnd, denke ich. Krame sie mühsam aus meiner Handtasche, in der diese sich bereits gemütlich unter meinen m Krimskrams niedergelassen hat. Ziehe sie durch. Als wäre der Baum ein Bankautomat und es regnet, obwohl der Baum kaum das erste Grün hervorbringt, Lindenblüten. Ich versuche eine zu erhaschen. Packe sie. Lese darauf: ‚Du hast das große Los gezogen, darfst auf diesem Planeten leben. Genieße jeden Tag!‘

Da hupt es grässlich laut hinter mir. Ich erwache aus meinem Tagtraum. Sehe, dass ich mitten auf der Straße im Aufstieg zu meinem Zuhause bin. Weiche auf den Bürgersteig aus. Blicke zur Linde hoch. Sehe das erste helle, wundervollen Frühling versprechende, Grün!




Dreisatzroman der Woche

L E I T E R

Weiter, spricht die Leiter, weiter!

Wie weiter, frage ich die sprossenlose Leiter dann weiter?

Heiter weiter, lenken deine erdachten Sprossen dich auf deiner Lebensleiter...!


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Einige Kommentare zu dieser Kurzgeschichte:

Am 24. März 2017 schrieb ein anonymerLeser:

"Sie beglücken unsere Zeit. Herzlichst."

Am 24. März 2017 schrieb ein anderer anonymerLeser:

"Immer wieder staune ich, wie gut Sie sich in all die vielen unterschiedlichen Berufsgattungen einleben können - und Bescheid wissen ! - Grandios. Heute wieder besonders einfühlsam und schön."


"Magnetkarte" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


TERMINE

LESUNGEN 2017

  • 29.
    NOV
  • LESUNG
    Stadtbibliothek Sursee

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