Kurzgeschichte der Woche

Musse

Eine Vollmondnacht voller Romantik. Ich jedoch war eingeteilt als frisch ausgebildeter Straßenbahnfahrer. Konnte die Stimmung einzig jeweils in den Wendeschleifen für drei bis vier Minuten genießen. Falls ich nicht das stille Örtchen aufzusuchen hatte das unser Arbeitgeber für uns, gesichert mit dem täglich wechselnden Code, kleinzügigerweise zur Verfügung stellt. Je weiter die Nacht fortschritt, je höher der Mond der die dunkle Welt in ein gespenstisches Licht tauchte, je mehr eng umschlungene Paare, ihre Umgebung ausblendend, bevölkerten den Passagierraum den ich über die Rückspiegel und die eingebauten Kameras überwache konnte. Mir wurde ganz bang ums Herz dabei, dachte ich doch an meine von mir getrennte Lebenspartnerin die ich in so einer Nacht, davon war ich überzeugt, wenn ich nicht arbeiten müsste, von einer Rückkehr zu mir überzeugen hätte können. Als ich dann weit nach Mitternacht die Garage ansteuerte, die letzte Haltestelle mit der Bitte an alle Passagiere auszusteigen, bedient hatte, stand der Vollmond groß und mächtig, bereit zum Untergehen, dabei meine Versöhnungs-Gedanken begrabend, tief am Horizont. Die hellen Neonröhren der Abstellhalle ließen meine romantischen Mond-Gedanken versickern. Den obligaten Kontrollgang durch den Passagierraum wollte ich rasch hinter mich bringen. Doch staunte ich nicht schlecht als ich zuhinterst im Wagen eine mittelalterliche Frau eingeschlafen auf einem der Sitze vorfand. Ich sprach die Dame an. Keine Reaktion erfolgte. Befürchtete bereits Schlimmes. Polizei. Notarzt. Und die ganzen Traras bis hin zum unendlichen Rapporte schreiben. Die Frau an der Schulter anfassen? Wachrütteln?

Doch das könnte mir als Übergriff ausgelegt werden. Eine Frau berühren? Nein, nie und nimmer! So wollte ich mich bereits auf den Weg zum Diensttelefon machen, als ich feststellen konnte, dass ein leichtes Zucken die Augenlider des ungebetenen Fahrgasts erfassten. So erhob ich nochmals meine Stimme. Legte volles Tremolo in diese. Schmetterte ein melodisches ‚Guten Morgen‘ in Richtung ihres linken, mir zugewandten Ohrs. Und tatsächlich öffneten sich jetzt beide Augen zu einem kleinen Spalt. „Sie müssen aussteigen“, schob ich weitere Worte nach. Die Frau, ihre graublauen Augensterne bekamen jetzt einen beinahe überirdischen Glanz, dehnte und streckte sich. Stand auf, sah mich lange an und bemerkte, ein Gähnen unterdrückend, „wollen Sie mir die Musse stehlen? Gar rauben?“. Ich versuchte ihr klar zu legen, dass ich Feierabend habe, es weit nach Mitternacht und sie wohl eingenickt sei, was nach einem arbeitsreichen Tag nicht verwundere, ich sei ja nun auch nahe daran.

Da blickte die Dame mir noch tiefer in die Augen, ich befürchtete bereits, dass sie mich als Hypnose Opfer ausersehen habe, und wiederholte: „die Musse lasse ich mir nicht nehmen! Ihr jungen Männer wisst gar nicht was Musse bedeutet. Kennt deren Wert nicht. Ihr wollt, oder vermeint immer zu ‚müssen‘! Eine Lektion gebe ich Ihnen junger Mann mit auf den Weg: Das n und die 2 Pünktchen auf dem ü des Wortes ‚Müssen‘ streichen und dann lernt ihr Musse kennen. Das Gewürz des Lebens". Mit Erstaunen sah ich dann, dass die Frau den Wagen nicht etwa aussteigend verließ sondern diesem sanft entschwebte. Ob ich übermüdet war an diesem Abend, in dieser Vollmondnacht, kann ich nicht beschwören, oder ob der Vollmond sich in mein Gemüt mit romantischen Absichten eingeschlichen hatte, um mir den Kopf zu verdrehen ist auch gut denkbar. Doch seit diesem Erlebnis, ob real oder vom Mond erfunden, streiche ich wann immer es möglich ist, das n und die 2 Pünktchen auf dem ü des Wortes ‚Müssen‘ und genieße dann die Musse die ich zuvor, wie so viele meiner vertechnisierten Zeitgenossen, zur Seite gedrängt, weitgehend übersehen hatte.




Dreisatzroman der Woche

D E R   S T U H L

Er steht der Stuhl und sitzt auch da, sein ganzes langes Möbel-Leben.

Mit dieser Spannung muss er leben, der Stuhl, er steht und sitzt im Da, nun eben.

Der dritte, letzte Satz ist leider schon zerflogen, in meinem Lebensall verbogen.


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Einige Kommentare zu dieser Kurzgeschichte:

Am 10. November 2017 schrieb ein anonymer Leser:

"Wow so genial...vielen Dank für die schöne gute Nacht Geschichte...ich freue mich auf mehr"

Am 10. November 2017 schrieb ein anderer anonymer Leser:

"Vielleicht sollte man das Wörtchen müssen überhaupt mit dürfen ersetzen, solange wir noch auf unserem Planeten leben dürfen. "

Am 10. November 2017 schrieb ein weiterer anonymer Leser:

"Schön geschrieben. Packend, in die Musse verführend.....schön"





"Musse" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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