Kurzgeschichte der Woche

Platz

(aus meinem neuerschienenen Buch TRAM AUGENKITZEL FÜR PENDLER, erhältlich in jeder Buchhandlung oder auch online)

Als Kontrollbeamter der Verkehrsbetriebe erlebe ich viel Negatives. Ich könnte ein ganzes Buch über Ausreden von Schwarzfahrern schreiben. Es würde, so denke ich, zu einem Bestseller. Aber ich will keine Ideen für Straftäter verbreiten, so labe ich mich lieber an erfreulichen Erlebnissen, die in meinem Beruf auch stattfinden. Selten zwar, aber immerhin. Und da sie selten sind, brennen sie sich auch in meinem Gedächtnis fest. Hätte ich zahlreiche davon wie zum Beispiel ein Musiker, der ganze Säle zum Brodeln bringt, würden sich wahrscheinlich nur die Katastrophen, das Ausgebuht-Werden in meinen Hirnwindungen festsetzen. So gibt es immer zwei Seiten der Medaille. Das führt auch dazu, dass ich die eher dunklen Seiten meines Berufsstandes besser verkraften und verarbeiten kann. Tätliche Angriffe, ja, die kommen auch vor. Aber unser Arbeitgeber lässt uns immer wieder in Verteidigungssportarten weiterbilden, sodass wir auch hier gewappnet sind. Doch zurück zum erfreulichen Erlebnis, das mir vor einigen Tagen, zwischen den Jahren, in einer an sich ruhigen Zeit begegnete. Da Verwandtenbesuche zu diesem Zeitpunkt, Zweit- und Drittweihnachtsfeiern Hochkonjunktur hatten und die Klugen, um auch einen feinen Tropfen genießen zu können, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fuhren, war der zu kontrollierende Tramzug stark besetzt. Obwohl ich eher zum Weltergewicht gehöre, bekundete ich Mühe, durch den Wagen zu schlängeln. Bislang konnten alle Passagiere gültige Ausweise vorzeigen, was ich sehr zu schätzen wusste. Wenigstens zwischen den Jahren sind die Menschen ehrlich, dachte ich und gab dem Fahrer ein Zeichen, dass er die Geschwindigkeit wieder erhöhen könne, denn bei Kontrollen fährt er langsamer, damit uns kein Schwarzfahrer an der nächsten Station entwischen kann. Ich hatte mir vorgenommen, noch zwei Stationen mitzufahren und eine kleine Ruhepause von meiner doch stressigen Arbeit einzuschalten.

Da kam ein Senior, er musste nach meiner Schätzung weit über achtzig Jahre zählen, ganz aufgeregt auf mich zu. Er hatte mir – ich erinnere mich an seinen perfekten stahlgrauen Bürstenhaarschnitt, den ich auch einmal trug, als dieser große Mode war – vor einer Minute seinen Ausweis vorgewiesen. Nun atmete er heftig, sodass ich von einem gesundheitlichen Problem ausging, als er mich fest am Arm packte und stoßweise immer die Worte wiederholend: «Finden Sie das gerecht? Finden Sie das gerecht?», beinahe gebetsmühlenartig und mit vor Emotion vibrierender Stimme ausstieß. Ich schätze es gar nicht, wenn mich ein Fremder berührt, noch viel weniger packt, denn tätliche Übergriffe beginnen meist in dieser Art. So schüttelte ich den Griff ab, ließ meine Muskeln spielen, um den Alten zu beeindrucken und abzuwimmeln. Er aber griff erneut nach meinem Arm, diesmal den anderen, und wiederholte sein Mantra: «Finden Sie das gerecht? Finden Sie das gerecht?» «Was soll ich gerecht oder ungerecht finden, der Herr?», versuchte ich mit beruhigender Stimme, den Mann von seinem hohen Emotionssockel auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuholen. Er aber reagierte gar nicht auf mein sanftes Vorgehen, stieß immer weiter die gleichen Worte hervor. «Sie müssen mir schon sagen, was Sie ungerecht finden, sonst kann ich Ihnen nicht behilflich sein», bemerkte ich, etwas Abstand zu ihm suchend. «Ist Ihnen die Geldbörse abhandengekommen? Hat Sie jemand beklaut?» Eine unsittliche Annäherung wollte ich nicht ins Spiel bringen, schien mir dies doch mit dem Alter des Aufgeregten nicht vereinbar. Der alte Herr hechelte jetzt nach Luft und ich wusste nicht, was zu unternehmen sei. Den Notarzt anrufen? Eine psychiatrische Klinik verständigen? Der Mann schien einen totalen Ausraster zu durchleben, was für ihn sicherlich gesundheitsgefährdend war.

Ich hoffte nur, dass er im Tram keine Randale auslösen würde, denn es blickten jetzt alle Fahrgäste, Jung und Alt, auf uns zwei. Die Menschen begannen, mit Fingern auf uns zu zeigen. Sprachen nun selbst aufgeregt aufeinander ein. Ich musste eine Lösung finden, sollte die Situation nicht außer Kontrolle geraten. Musste den Grund der Eskalation beim alten Herrn herausfinden, bevor er begann, um sich zu schlagen. «Was finden Sie so ungerecht?» «Was ich soeben erlebte. So erniedrigend ist es. So unmenschlich. So ehrverletzend.» Aha, die Ehre verletzt, räsonierte ich. Das kann tief gehen. Alte Menschen haben ja oft einen veralteten Ehrbegriff aus früheren Zeiten. Bilder von Duellen stiegen in meinem Kopf hoch. Revolver. Säbel. Degen.
«Was hat Ihnen die Ehre derart verletzt? Sprechen Sie es aus! Dann wird es Ihnen bereits besser gehen. Und ich kann den Ehrverletzer zur Rechenschaft ziehen …» «Nicht Ehrverletzer, Ehrverletzerin», stieß der Mann aus. Das konnte ja heiter werden. Eine Paargeschichte. In diesem Alter. Eifersucht? Ein Rivale? Fehlt nur noch, dass die beiden aufeinander losgehen! «Ein anderer Mann? Die Frau verstößt Sie?», bohrte ich weiter. «Nein, viel schlimmer! Diese junge Frau bot mir ihren Sitzplatz an! Ich bin doch noch nicht so vergreist, dass junge Frauen für mich aufstehen müssten. Ich biete jungen Damen vielmehr meinen Platz an!»

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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 9. Dezember 2016 schrieb M.L.:

"Ihre Wochengeschichte –PLATZ – einfach herrlich und so… wahr! Wie man es macht, macht man es falsch. Habe auch die Erfahrung gemacht, steht man auf, ist es nicht richtig , man ist doch noch nicht alt. Steht man nicht auf- hat man kein Benehmen und ist rücksichtslos. Ach, ist das Leben kompliziert!"


"Platz" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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