Kurzgeschichte der Woche

Schluss-Endlich

‚‚SCHLUSS MIT DER ENDLICHKEIT!‘
Diesen Satz sehe ich heute früh zum ersten Mal auf einem riesigen Plakat das am Eingang der U Bahn angekleistert ist. Nun, denke ich, da will ein Unternehmen wieder originell sein! Vorbereitung einer Werbekampagne für ein völlig unsinniges Produkt. Von denen unser Land bereits überschwemmt ist. Nein, Kopf unterliegt. Wann hört das endlich einmal auf, flüstere ich mir selbst zu. ENDLICH ENDLICHKEIT das wäre eine Offensive wert. Doch woher die Zeit nehmen? Habe diese nicht. Nicht einmal auf meinem Zeitsparbuch. So muss ich mit meinen sechsundsiebzig Jahren noch immer arbeiten. Obwohl mich bald jeder Knochen schmerzt. Besonders bei den steilen U-Bahn Treppen. Rollende Treppen sind für mich tabu. Meiner Rolltreppen Phobie wegen. Auch die könnten nach mir endlich enden. U-Bahn Treppen. Meine ich. Und die U Bahn dann nicht mehr im Untergrund. Denn wie beim Menschen gehört das Unter einer Stadt zum Ungeklärten. Unklaren. Nicht voll erfassbaren. Jeden Tag muss ich herabsteigen. In meine Unterwelt. Denn ich bin U-Bahn Wagenschmierer. Muss die Räder ölen damit diese nicht quietschen. Bin also so was wie ein Antitonmeister der Töne zu verhindern hat

Tag für Tag stehe ich am Bahnsteig. Einmal bei der Linie 3, dann bei der 5. Zu Beginn schmiere ich den ersten Wagen. Beim nächsten Zug den Zweiten. Und so weiter bis zum letzten Wagen. Dann beginnt das Ganze von vorne. Einziger Job den ich noch finden konnte. Leider. Wer will schon einen Alten beschäftigen. Immerhin bin ich nicht Rolltreppenschmierer. Komme auf meinem Bahnsteig an. Der Zug fährt ein. Ich muss mich sputen. Traue dann meinen Augen nicht. Auf dem Triebwagen steckt eine im Wind flatternde Fahne. Auf ihr der Text ‘SCHLUSS MIT DER ENDLICHKEIT’. Muss ja eine superreiche Firma sein die das inszeniert. Müssen viele in der Verwaltung geschmiert haben. Aber mit anderem Öl als meinem. SCHLUSS MIT DER ENDLICHKEIT was sollen diese Worte bedeuten? Und wer hat so viel Kapital alle U- Bahnen mit Fahnen auszurüsten. Denn in der Zwischenzeit knattern die Fahnen im Fahrtwind so stark, dass ich mir bei kreuzend einfahrenden Zügen die Ohren zuhalten muss. Dabei stelle ich fest, dass jetzt auch jeder Waggon eine Fahne mit sich führt. Und zudem, das entdecke ich erst jetzt, dass beinahe alle Passagiere hellrot leuchtende Reklame Schirmmützen tragen auf denen der besagte Slogan fröhlich vor sich her plappert.

Wenigstens für alle Lesekundigen. Analphabeten freuen sich bestimmt ob der Farbe, werden aber mit Sicherheit ‘SCHLUSS MIT DER ENDLICHKEIT’ spätestens am trauten Herd, oder Heim, am Fernseher oder durch das Radio erfahren. Ich schmiere ruhig weiter. Fühle mich als echter Schmierfink. Doch leider ohne Flügel. Ansonsten wäre ich meinem Elend auf die eine oder andere Art bestimmt bereits entflogen. Greife mir ob solcher Gedanken an den Kopf. Bemerke dass ich eine Mütze trage. Aha, sage ich zu mir, heimlich wurde diese mir aufgesetzt als sei es eine Narrenkappe. Rot. Leuchtend, mit einer Inschrift, die ich bereits nicht mehr lesen mag. Doch als ich die Schirmkappe in der Hand halte ist diese rabenschwarz. Auf ihr ein vollkommen anderer Text: ‘Gerade geboren! Genieße das Leben. Es ist so …’. Mehr hat wohl keinen Platz gefunden. Mein Kopf ist dafür zu klein. Denn scheinbar haben wir die Endlichkeit endgültig besiegt. Und ich werde ewig Wagen schmieren. Sisyphos lässt grüssen … Upps, er steht neben mir mit seinem Felsbrocken den er hinaufschiebt. Kein Schmierer ist er. Ein Schieber ...

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Einige Kommentare zu dieser Kurzgeschichte:

Am 31. Oktober 2016 schrieb ein anonymer Leser:

"Nicht Sehr Gut! HERVORRAGEND"

Am 28. Oktober 2016 schrieb schrieb H.K.:

"Mein lieber Herr Loeb, wieder eine surreal-reale Geshichte haben Sie verfasst! Mit einer Pointe, wie ein Filmschnitt. Die mythologische Gestalt in der U-Bahn, als ein Kontrapunkt zur rätselhaften Kampagne. Ihre schöpferische Fantasie ist sagenhaft."

Am 28. Oktober 2016 schrieb schrieb M.H.:

"Jede Woche eine Kurzgeschichte schreiben, das ist sicher nicht einfach. Das Thema finden, über den Anfang und das Ende der Geschichte nachdenken, die Geschichte darf ja nicht lang werden, darum Kurzgeschichte. Dies jede Woche, ich bewundere den Francois Loeb."


"Schluss-Endlich" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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