Kurzgeschichte der Woche

Sichtschutz

Ich bin Inhaber eines Unternehmens für Personenschutz. Habe gute Vorerfahrung als Personenschützer im Dienste unserer Regierung. Schützte den Außenminister. Zahllose Reisen. Schwierige Situationen. Vertrackte ‘itinerary’, wie wir es im Fachjargon nennen. Und der ist kaum in einem anderen Bereich so verbreitet wie in unserer Branche. Auch die Ausbildung strotzt davon. Doch will ich sie nicht damit langweilen. Nur einen Ausdruck darf ich nicht vorenthalten: ‘shoot or shot’ ist unser Credo. Dazu gehört die Schiessausbildung. Regelmäig. Mit Hörschutz um nicht taub für die Befehle unserer Kundschaft zu sein. Denn offene Ohren, Geräuscherkennung gehören ebenfalls zu unseren hauptsächlichen Berufs Kenntnissen. Letztere sind schwer zu schulen. Gehört doch dazu Intuition. Und diese Menschen einzupflanzen, da bist du auf einer beinahe aussichtslosen Task. Entschuldigen Sie mich bereits wieder so ein Berufsausdruck. Lässt sich kaum vermeiden, wenn ich von meinem Berufsalltag berichte. Eingefleischt. Wie meine Fledermausohren. Das Bauchgefühl gehört auch dazu. Vorahnungen. Sich in des Feinds Gehirn einschleichen und festkrallen können. Wie er zu denken. Habe mir in den letzten Jahren einen hervorragenden Ruf aufgebaut. Keine Fehler. Alle Kunden leben noch. Keiner entführt. Trotz Milliarden Vermögen. Da sind meine Tarife Brosamen. Aber immerhin, mein Penthouse und den Tesla den ich mir leisten kann, zeigt die wirtschaftliche Stärke meines Einmann-Unternehmens. In der Berufsausübung fahre ich mit einem Polo. Einem Allerwelt-Fahrzeug. Denn auffallen ist als Personenschützer eine Todsünde. Und solche ruinieren das Geschäft. Ich trage auch keinen Knopf im Ohr. Nein, eines dieser modernen Hörgeräte die beinahe unsichtbar sind und zu meiner eisgrauen Mähne steht. Tarnung ist ein weiteres Gebot unserer Gilde, die ich zu befolgen weiss. Täglich von 18-18.30 h bin ich für Neuanfragen in meinem schlichten Büro zu sprechen. Es sei denn, ich sei auf ‘mission’. Was meist der Fall ist. Aber ‘by appointment’ bin ich erreichbar. Meine Kunden müssen ja auch ruhen. In gesicherten Wohnungen ruhen. Ein gutes Gewissen ist ein sicheres Ruhekissen. Obwohl, ha-ha, meine Betreuschaft (ich will mich geschlechtsneutral ausdrücken, hilft meinem Ruf) kaum ein solches sein eigen nennt. An sonst wäre ich ja arbeitslos!

Nun gestern erhielt ich einen Anruf für eine Besprechung mit einer Neukundin. Ihre wohlklingende Stimme, ihre wohlgeformten Worte und Sätze überzeugten mich augenblicklich, so dass ich ihr am heutigen Abend, wenn auch spät, einen Besprechungstermin anbieten konnte. Ich habe mich also zurechtgemacht. Meinen Haarschopf mit Gel gebändigt. Zum blauen Hemd die rote Fliege gebunden. Das Jackett abgelegt damit der Holster sichtbar ist. Beim dezenten Türglockensignal, ich stelle gleich fest, dass dieses mit viel Gefühl betätigt wird, öffne ich die Eingangstüre zu meiner bescheidenen, mit Louis XIV Möbeln bestückten Minizentrale. Vor mir steht eine bildschöne Frau, die gleich alle meine Gefühle in Wallung bringt. Begehren. Schutzinstinkt und noch zahlreiche mehr, die kaum zu beschreiben sind. Ich bitte die Dame in der Sitzecke Platz zu nehmen. Reiche meine Geschäftskarte. Frage nach einem von mir zu kredenzenden Kaffee. Der Wunsch wird höflich abgelehnt. Bitte um das Begehr der mich so faszinierenden Dame. Male mir, in meiner von männlichen Hormonen gesteuerten Seele bereits Strategien aus, wie ich diese Frau erobern kann. Kein Ehering. Bereits ein glückbringendes erstes Signal! Sie redet zuerst um den heißen Brei. Wünscht sie Beschattung ihres Lebenspartners? Da wäre ich die falsche Adresse. Personenschutz, nicht Privatdetektei in denen sich einzig Anfänger und Banausen tummeln, ist mein Fachgebiet. Da endlich kommt die Schönheit zur Sache: Ob ich auch Sichtschutz anbieten würde. Sichtschutz, da bin ich mit meinem Berufslatein am Ende. Noch nie gehört bei Beschattungen oder Sicherheitsfragen. “Ja,” erklärt sie mir, ”ich habe es satt, dass alle Männer, selbst Clochards, mir wie sie jetzt, begehrlich nachschauen. Nachpfeifen. Ich brauche Sichtschutz. Einen gut gebauten Mann der mir vorausgeht. Verhindert, dass ich gesehen werde." In einen unheimlichen Zwiespalt, so groß wie der Grand Canyon, geworfen, zwischen Berufsehre und Begehren, entscheide ich mich augenblicklich diesen neuen Zweig meiner Tätigkeit anzunehmen, hoffend auf die Eroberung, die meinem Leben neuen Sinn eingeben wird.

Lachend sitzen kurz darauf die Konkurrenten des Personenschützers bei einem Glas Veuve Cliquot Millesime und gratulieren sich gegenseitig zur Ausschaltung ihres erfolgreichsten Konkurrenten.

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"Sichtschutz" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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