Kurzgeschichte der Woche

Verbergdienst e.V.

Als ich dieses Plakat am Hauptbahnhof lese, bin ich im ersten Augenblick überzeugt einen Lesefehler begangen zu haben. Ich schaue also mit geschärftem Geist nochmals hin und stelle fest, dass da immer noch ein Verbergdienst angeboten wird. Auch der dritte Blick wandelt diesen nicht. Verbergdienst? Eine neue Dienstleistung? Was verbergen? Wen verbergen? Wo verbergen? Schätze? Geschichten. Liebesabenteuer? Als ich beginne über Verbergmöglichkeiten, diese lassen mich nicht mehr los, nachzudenken wird mir beinahe schwindlig, als stünde ich auf einer hohen, schmalen Bergzinne und würde in einen unheimlichen Abgrund blicken. Weshalb berührt mich dieses Wort so sehr? Habe ich etwas zu verbergen das ich vor mir selbst nicht wahr haben will? Oder ist es einzig dieses Wort das ich noch nie gehört habe das mich irritiert? Habe ich es mit einer Dienstleistung zu tun die neu entwickelt worden ist. Ein digitaler Service? Gar ein virtuell realer? Bei dem eine Brille der 4. Dimension angezogen werden muss die mich dann in fremde Welten entführen wird. In unheimliche Weltraumsphären. In schwarze Löcher gar? Verbergservice!

Und jetzt fällt mir noch das kleine e.V. hinter dem Wort auf. E.V. Eingeschriebener Verein. Oder was soll die Abkürzung sonst bedeuten. Suche dann ob nicht eine Angabe einer Homepage auf dem Plakat zu finden ist. Nichts. Auch kein Fon. Oder Fax. Oder WhatsApp. Kein Face Book. Nehme meinen IPad. Suchmaschine: Verbergdienst e.V.: Als Antwort Bergdienst: ‘Zum Bergen von in Not geratenen Alpinisten. Verunglückten Lkws.’ Lese nicht weiter. Gebe noch einmal Verbergdienst ein. Kein Resultat auf diese erneute Suchanfrage. Und mit e.V. Am Schluss? Resultat: Kein eingeschriebener Verein eines solchen Namens. Beschließe zu vergessen. Das Plakat aus meinen Hirnwindungen zu löschen. Besteige meinen Zug Richtung Hauptstadt. Mache es mir bequem. Habe heute ein 1. Klasse Ticket gebucht. Mehr Platz. Mehr Ruhe. Beine strecken. Hirnwindungen leeren. Nickerchen planen. Power Nap wie mein so oft erfolgendes Eindösen vom Hausarzt genannt wird. Ist noch ein junger Kerl. Erst dem Studium entsprungen. Aber anständig. Nett. Guter Diagnostiker. Wo er das nur gelernt und geübt hat? Bestimmt nicht beim Verbergdienst e.V. Synopsen noch nicht gelöscht. Ärgere mich.

Da eine Durchsage: “Wir bitten um Aufmerksamkeit! Der Mitarbeiter des Verbergdienst e.V. bitte in Wagen 3 melden. Der Mitarbeiter des Verbergdienst.e.V. bitte in Wagen 3 beim Zugchef melden. Halluziniere ich? Spricht mein innerer von der Neugier immer noch nicht befreiter Geist zu mir? Nun, wenn es Halluzinationen sind die mich verfolgen muss ich einfach nicht auf diese hören. Ignorieren würde mein Psychologe, den ich alle zwei Monate konsultiere, bemerken. Der Zug ist mäßig leer. Zumindest die Komfortklasse. Eine nette Hostess befragt mich nach meinen Getränkewünschen. Ordere ein großes Pils. Es perlt bald darauf auf meinem Klapptisch. “Noch ein Wunsch?” Eine sexy Stimme hat die Hostess. Ich verneine. “Darf ich Sie trotzdem auf unser heutiges Sonderangebot aufmerksam machen?” Habe nichts dagegen. Nicke mit dem Kopf. “Der Verbergdienst e.V. steht heute unseren besonderen Fahrgästen zur Verfügung.” Jetzt habe ich endgültig genug. Wie kann ich den Verbergdienst in mir zum Schweigen bringen? Den Psychiater anrufen? Um diese Zeit? Da schläft der Kerl, der wohl kaum etwas oder alles zu verbergen hat, bestimmt bereits. Ignorieren, ignorieren, flüstere ich mir selbst zu. “Wie bitte?”, säuselt die Hostess. „Ignorieren ist der falsche Pfad“, fährt sie fort. Setzt sich auf meinen Schoss. Umarmt mich. Küsst mich. „Jetzt hast Du noch mehr zu verbergen”, säuselt sie nicht mehr, sondern schreit mir das mit lauter doch umso hämischerer Stimme in mein taubes Ohr ...




Dreisatzroman der Woche

K U N D E

Die Verkündigung der Kunde, welche ich erhalten sollte vor einer Stunde, besagt, dass eben diese Kunde, ging vor genauestens einer Stunde, vor die Hunde.

Sie sei wichtigst, diese Kunde und zudem geheim, sie betreffe mein Heim.

Nun steh ich da, waba,waba und warte seit einer guten Stunde, auf diese so wichtig geheime Kunde, die leider vor eben dieser einen Stunde, ging unverkündigt in die allerletzte Runde...


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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 27. Oktober 2017 schrieb ein anonymer Leser:

"Verbergdienst, dieses Wort, diesen Titel musste auch ich mehrere Male lesen. Und es erging mir genau gleich wie Ihnen, lieber Herr Loeb, dieses Wort gab es bis heute einfach nicht. Und da es sooo schwer zu lesen ist, könnte es auch gleich wieder verschwinden ..."


"Verbergdienst e.V." als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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  • 29.
    NOV
  • LESUNG
    Stadtbibliothek Sursee
  • 05.
    APR 18
  • LESUNG
    Innovationsdorf Bern

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