Kurzgeschichte der Woche

Vergrämt

Als ehemaliger Kriminalkommissar verfolge ich mit grossem Interesse, ja mit Spannung die Diskussion in unserem Städtchen an der sich die Bürgerschaft so intensiv beteiligt. Gestern Abend fand eine Bürgerversammlung darüber statt und da ging es hoch her! Vorschläge kullerten nur so auf das Podium zu auf dem der Bürgermeister mit zwei Gemeinderäten sass. Die Krähen waren den Diskussionsbeiträgen nach wirklich zu einem ernsten Stadtproblem geworden. Ohne Bewilligung besetzten diese Bäume, bauten Nester und verkoteten die von den Anwohnern blitzsauber gehaltenen Gehwege. “Zum Abschuss freigeben” rief der fette Kaminfeger, der seinen Beruf des Körperumfangs wegen bereits aufgeben musste, sich in Frührente verabschiedete, um desto intensiver am öffentlichen Leben teilzunehmen. Er forderte Schusswaffenfreigabe für alle Gutwilligen um der Plage endlich Herr (das Wort ‘Herr’ betonte er mit seinem sonoren Bass besonders) zu werden, denn so könne er nicht weiterleben. An Schlaf sei durch das Gekrächze bereits morgens um 5 Uhr nicht mehr zu denken, geschweige denn an das Träumen. Ja, betonte er seine Träume seien der Krähen wegen nicht mehr süss wie einst in seiner Jugend, sondern bitter und salzig.

Eine gewisse Originalität kann ich dem Herrn auch heute am Nachfolgetag nicht aberkennen, obwohl ich keineswegs seine Meinung teile, dies aber nicht in der Versammlung kundtat, denn öffentliches Reden, gar vor Autoritätspersonen wie dem auch von mir gewählten Bürgermeister ist nicht meine Sache. So schwieg ich gestern. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin keinesfalls ein Krähenfreund, denn nicht wahr eine Krähe hackt der anderen ein Auge aus ist nicht ein leichtfertiger Spruch sondern eine alte Volksweisheit. Zumindest in unserem Städtchen in dem nun so zahlreiche Krähen leben. Die ausgemergelte alte Dame, ich glaube sie wohnt hinter dem Bahnhof, dort sehe ich sie jeweils wenn ich den Zug zur Stadt besteige um den Arzt aufzusuchen oder andere Besorgungen vorzunehmen, rief gestern Abend mit krächzender Stimme “Gift ausstreuen! Ja, Gift, die Krähen plündern die Nester der Singvögel, stehlen Eier, kein Wunder, dass das. Leben so eintönig, ohne Vogelgesang wird” und outete sich kurz darauf als Rechnungsführerin des städtischen Tierschutzvereins, in deren Name sie spreche. Was einen Proteststurm auslöste. Hochgereckte Fäuste. Spitze schreiende Wortfetzen wie “Krähen sind doch auch Tiere”, und “Absetzen!” erfüllten darauf den Saal. Die Volksseele kochte hoch. Ich befürchtete ein Überschäumen wie beim Milchüberkochen und verliess fluchtartig den Saal in die stille sternenklare Nacht. Das letzte was ich vernahm war die laut verstärkte Stimme des Bürgermeisters der das Wort VERGRÄMEN in die Runde warf.

Dieses Wort verfolgte mich in den Schlaf. In den Traum. Und steht heute Morgen aufrecht neben meinem Bett als ich mich langsam, um den Blutdruck auszugleichen, erhebe. Dann neben der Kaffeetasse. Besetzt meinen Kopf. Ich gräme mich echt. Was soll ich nur unternehmen um dieses Unwort zu vertreiben. Mich grämen? Da tritt, woher auch immer (bereits in meiner Berufszeit hatte ich solche zu Erfolgen führende Eingebungen) ein Trostwort in mein Bewusstsein: ‘Der Tag wird kommen an dem die Krähen sich versammeln werden, um über die unkrächzenden Laute zu beraten die wir Menschen von uns geben und wie wir zu vergrämen seien.’
Hoppla! Der Tag ist doch bereits da! Weshalb sonst sollten die Krähen da draussen bereits so früh morgens sich versammeln und krächzend beraten?

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"Vergrämen" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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