Kurzgeschichte der Woche

Warheit

Ein investigierender Journalist muss sich seine Themen suchen. Um im Blätterwald unterzukommen. Dort Wurzeln zu schlagen. Sich nicht auf einer Waldlichtung ein klägliches Dasein als Vergissmeinnicht zu fristen. Skandale ausbaldowern. Unbekanntes ausloten. Spuren verfolgen. Undercover arbeiten. Spannend ist die Tätigkeit allemal. Doch im digitalen Zeitalter in dem alles allen offen steht kein leichter Job. Jedenfalls für mich. Obwohl bereits zwei Sensationen an Wochenzeitschriften geliefert, die letzte vor sieben Jahren, ist meine Waldlichtung leider bereits beinahe, oder bereits am Rande erreicht. Ich muss - das Wörtchen muss ist dafür zu schwach, doch kenne ich dessen Steigerung nicht - unbedingt einen neuen Coup lancieren, sonst winkt das Hungertuch. Die Schuldenfalle. Alle Kreditlimiten bereits ausgeschöpft. Auf den Kreditkarten geht auch nichts mehr. Höchstens in hinterwäldlerischen Gaststätten die noch nicht an die elektronisch-automatischen Zahlsysteme angeschlossen sind kann ich diese noch nutzen. Eine vertrackte Situation ist das. Und meiner Familie habe ich noch nichts gebeichtet. Will dort nicht wie der letzte Depp dastehen. Doch, wenn sich nichts ändert wird der Mieteintreiber bald erscheinen. Die Mahnbriefe, selbst die eingeschriebenen, habe ich mit viel Verve abfangen können. Noch niemand ahnt die sich abzeichnende Katastrophe. Nun denn, es bleibt mir kein anderer Ausweg als eine neue Sensation herauszufinden. Zu entdecken. Schlaflose Nächte begleiten mich. Wälze mich nicht in Wälzern, vielmehr im Bett. Schwarze Augenringe sind der Lohn.

Meine Gattin nervt bereits mit unbedingt notwendigen Arztbesuchen. Hat, wie sie mir heute früh verkündet, für den Donnerstag bereits einen Termin beim Vertrauensarzt meiner Journalistengewerkschaft ausgemacht. Galgenfrist denke ich. Muss (ach, wenn nur die Steigerung des Worts mir einfallen würde) unbedingt das Thema festlegen. Dann damit meine alten Kontakte behelligen. Da muss dann der Vorschuss fließen. Möglichst eine Sensation weitab der hiesigen Örtlichkeiten. Dann kann ich verreisen. Reisespesen kassieren. Zum Voraus! Damit einen Teil der Mietschulden abtragen. Also statt mich im Bett zu wälzen mich über die Internet Weltkarten beugen. Eine Insel, weitab (bringt erhöhten Spesenfluss) aller Verkehrswege finden. Dort eine Schatzsuche inszenieren? Oder von einer Überflutung berichten die eine Folge des Klimawandels ist. Alter Hut! Bringt keine Redaktion, geschweige eine Chefredaktion hinter dem Schreibtisch hervor. Muss was stärkeres sein. Hochprozentigeres. Nicht einen alkoholfreien Apfelmost. Vergrößere auf der Bildschirmkarte den Südpazifik. Voller Inseln. Mit teils unleserlichen Namen. In absolut mir fremden Idiomen. Nun, wenn es nicht anders geht muss ich einen Inselnamen fern ab, ein Eiland (mit einer einsamen Palme in der Mitte) erfinden.

Ich muss über meine abstrusen Gedanken, die einem verwurzelten Journalisten (die Waldlichtung scheint nicht nur zu winken, nein sie ist bereits halbe Wirklichkeit, dreiviertel Wahrheit) unwürdig sind lauthals lachen. WAHRHEIT! Eine einsame Insel die sich Wahrheit nennt. Zu auffällig. Da stolpert selbst ein Praktikant in der Redaktion darüber. Muss anders heißen. Eine kreolische Insel? Mit Namen Vérité? Gut, dass meine Französischkenntnisse nicht ganz rudimentär bei Bonjour und Bonsoir und Bon Appetit verharrt sind. Die Insel Vérité auf der sich die Wahrheit in der Vergangenheit wiederfindet. War-Heit! Das wird der Clou! Wenn schon Französisch dann muss die Sensation mit dieser Sprache aufgepeppt werden. Ich suche nach einem Eiland ohne Name. Sehe unter Wikipedia.org die Bedeutung des Worte Eiland nach: “Eiland ist eine veraltete Bezeichnung für eine Insel und heute zumeist in der Bedeutung „kleine Insel“ gebraucht”. Und wenn ich das L des Wortes klein einfach weglasse.

Bin ich da nicht dem Ehrenkodex unseres Berufsstandes nachgekommen, keine Fake-News zu verbreiten? Also eine fiktive Insel auf der Sensationen stattfinden. Oder zumindest eine Sensation. Eine riesige! Eine Welt umwerfende! Die Insel Vérité auf der mit der Wahrheit in Vergangenheitsform umgegangen wird. Ich werde dorthin reisen. Das Rätsel entschlüsseln. Eine Geschichte auf das aufgeräumte Pult des Chefs vom Dienst legen das diesen umhaut. Ihn zwingt unverzüglich eine Redaktionskonferenz, samt Layoutern einzuberufen. Denn die Titel müssen kurzfristig geändert, die Aufmacher angepasst, der Umschlag neu gestaltet werden. Vérité die Insel mit der hoch geheimen Mission der Völkergemeinschaft eine Retreat für alle Diktatoren dieser Welt, eine Exil Insel wie Helena damals für Napoleon, zu schaffen, auf der diese sich gegenseitig alle Unwahrheiten die sie permanent erfinden vor die Füße werfen können ...




Dreisatzroman der Woche

B E S U C H

Mit Eselsschwingen, leicht gereizt, trifft einmal außer Atem, dann friedlich nebelnd, ruhend, der Herbst auf meiner wilden Wiese ein.

Doch mitten in dem fahlen Grün, mit gelben reifen Grases-Ähren-Inseln, ich kann es kaum auch glauben, wächst eine Tulpe in blauem Schwarz, öffnet ihre Blüte weit, empfängt die Insektenwelt, gibt Hoffnung auf ein neues Leben.

Die Blätter fallen dann auch dort, entschwebt ist die Tulpe fort, doch weiß ich, dass sie wiederkommt, im Frühjahr dann, mit lauem Wind, dienend meinen hungrig sehend Augen, die den kalten Winter dann entstauben.


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"Warheit" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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