Kurzgeschichte der Woche

Wie eine Mücke ein Elefant wird

“Aus einer Mücke einen Elefanten machen, dieses Sprichwort wurde mir gestern in diese glühend heißen Julinacht plastisch vor Augen geführt. Plastischer als mir lieb war”, spricht mich mein Sitznachbar im Ausflugsdampfer auf dem Vierwaldstättersee an. Eine kühle Brise streicht um unsere Köpfe auf den harten Bänken dieses alten Dampfers der noch wunderbare offene Maschinen besitzt und außen große Schaufelräder die das Schiff antreiben. Eigentlich wollte ich einzig die einmalige Landschaft genießen. Meinen Gedanken nachhängen. Diese endlich nicht an die kurze Leine nehmen. Doch unhöflich wollte ich trotz meiner Schläfrigkeit keineswegs sein. Und wenn ein alter Herr der möglicherweise sehr einsam ist einer menschlichen Seele für ein Gespräch bedurfte, konnte ich mich nicht verweigern. Nickte ihm also freundlich zu. Ließ ein fragendes “Aha!” samt Ausrufezeichen über meine Lippen gleiten. Sah dem mich ansprechenden alten Menschen in die Augen und war erstaunt in welcher Jugendlichkeit dessen Pupillen glänzten. “Ja”, fuhr dieser fort, “ eine Mücke die zu einem Elefanten wird, so wahr ich hier sitze!” Nun, ich nickte erneut. Denn ältere Menschen können nicht nur verwirrt sein, was ich bei dem weisshaarigen Bartträger nicht annahm, sondern oft ihrer Fantasie nicht mehr im Zügel halten. Wie sollten sie auch? Ein langes Leben. Unzählige Erfahrungen. Bücherwelten zu Hunderten verinnerlicht, wie sollte ein solches Gemisch nicht zu skurrilen Gedankenwolken führen. Ganz normal dachte ich. Werde wohl in einigen Jahrzehnten nicht anders sein und nickte erneut dem Greis aufmunternd zu, um ihm mit Körpersprache mitzuteilen, dass ich nicht nur aufnahmebereit für seine Geschichte, sei diese auch nur ein Märchen, sondern innerlich gespannt auf den Fortgang der Mückenelefanten- oder der Elefantenmücken-Geschichte sei.

Fehlte nur noch, dachte ich dabei ohne mit den Wimpern zu zucken, dass die Mücke blaue Pantöffelchen getragen habe. Der Sitznachbar streckte seinen zuvor gebeugten Rücken, freute sich sichtlich über mein Interesse am Fortgang seines gestrigen Abend -Erlebnisses. “Ja ich saß mit einem guten Tropfen Rotweins auf dem winzigen Sitzplatz der Einliegerwohnung die ich vom Sozialamt vor 3 Monaten zugewiesen erhalten habe. Nippte von Zeit zu Zeit am Glas. Ließ mir den Blauburgunder, ein Geschenk des Hausbesitzers, im Gaumen schmecken. Der tiefrote Brombeergeschmack erinnerte mich an meine jungen Mannesjahre. An die Mädchen mit denen ich schäkernd rote Liebesgetränke genoss. Bei dieser Gedankenreise umschwirrte mich eine kleine Mücke, sich darin versuchte eine Stelle auf meiner Haut zu finden um den roten Lebenssaft ihrerseits in sich zu saugen. Meine Abwehrstrategie aber war erfolgreich, immer wieder verscheuchte ich den Plagegeist ohne diesen aber zu erlegen. Irgendwann wurde es, so schien es mir zumindest, dem Insekt zu bunt, dachte wohl der Rebensaft sei der Farbe nach gleichwertig wie mein altes Blut. Machte sich am Glas zu schaffen und fiel dabei in den Wein. Ich kann kein Tier leiden sehen, natürlich erst seitdem ich im Lebensmittelpunkt stehe und erkenne wie wertvoll Leben in seiner gesamten Fülle ist. So fischte ich die Mücke aus dem bauchigen Glas. Sie taumelte auf meinem Finger. Und ich sah, Sie können mir glauben oder nicht, wie ein Rüssel auf ihrer Stirn und Stoßzähne aus Elfenbein oberhalb ihres Mundwerks wuchsen. Dann trompetete das Insekt laut vor sich hin, wuchs und wuchs, was mich entsetzlich ängstigte. Als ich dann die Augen mühsam öffnete, sah ich am Himmel bereits das Morgengrauen, das mich vom Elfantengrauen zu befreien suchte, was aber erst den ersten Sonnenstrahlen gelang. Von diesem Albtraum übriggeblieben ist ein Mückenstich im Nacken, der noch jetzt entsetzlich juckt.” Ein tiefer Seufzer entringt sich dabei meines Sitznachbars Seele …

Die Hitze und die Sonnenbestrahlung, sowie die leise Stimme des Erzählers und die kühlende leichte, über mein Gesicht hauchende Brise im Bug des Dampfers müssen mich in einen leichten Schlaf gewiegt haben, denn als ich die Augen wieder öffne, ist weit und breit kein Sitznachbar mehr neben mir. An seiner Stelle umschwirrt mich eine lästige Mücke und ich kratze mich in meinem Nacken wo sie bereits zugestochen haben muss.




Dreisatzroman der Woche

S T R A T O - M Ü C K E

Eine klitzekleine Mücke, die nutzte eine Regenwolkenlücke, stieg in die Stratosphären-Fähre, flog hoch empor, wie nie zuvor.

In der Ionosphäre, erstickt sie dann... ja wäre, wäre da...

Sie verrät es nicht, was gewesen ist, will die Fassung aus Deiner, des Lesers Sicht...!


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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 2. Juni 2017 schrieb ein anonymer Leser:

"Exzellente Geschichte...wunderbarer Aufsteller. Wünsche ein schönes, langes Wochenende mit viel Sonne aber ohne Elefantenstich!"


"Wie eine Mücke ein Elefant wird" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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LESUNGEN 2017

  • 29.
    NOV
  • LESUNG
    Stadtbibliothek Sursee

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