Kurzgeschichte der Woche

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MINI

Helga Ritter war eine Tierfreundin. Sie war überzeugt, dass diese eine Seele besässen, eine Seele, womöglich eines früheren Menschen, eine, so nannte sie es, Zweit- oder Dritt- oder Mehrfachseele, denn Seelenwanderung war ihr nach aussen zwar nicht zugegebenes, Helga wollte nicht durch Diskussionen in ihrem festen, aber noch nicht felsenfest gefestigtem Glauben erschüttert werden, aber nach Innen lebenszielgerechtes Steckenpferd. Nicht umsonst steckte in diesem Ausdruck Steckenpferd ein Tier Name, bemerkte sie immer wieder zu sich selbst, wenn das Wort wie ein Menetekel in ihrem Hirn aufblitzte, wobei Pferde nicht im Geringsten Helgas Lieblingstiere waren, ganz im Gegenteil, denn sie fürchtete sich vor diesen - in ihren Augen unberechenbaren Kreaturen, die bereits bei geringstem Anlass scheuten und damit gewisse Ähnlichkeiten mit ihr selbst aufwiesen.

Da waren ihr ruhigere Tiere, gelassenere Charaktere, solche die das Leben geschehen über sich ergehen liessen, es lebten und nicht gestaltend eingreifen wollten und damit, wie es bereits Helga Ritter erfahren hatte auch ihr Schicksal klaglos zu tragen wussten. Helga schleppte ihren neuen Namen Ritter nach der grössten Enttäuschung ihrer Existenz, dem Seelenentzweienden Streit mit ihrem Exmann Heinz Ritter, über ihr Steckenpferd, die Existenz der Seelenwanderung, an die er partout nicht glauben wollte, diese mit einem Handwisch abtat, sodass ein weiteres Zusammenleben wie Glas zerbrach, oder sich wie Eis in flüssiges, versickerndes, entschwebendes, verdunstendes Wasser verwandelte und Helga dazu zwang ihren Namen Ritter als bleibende, tonnenschwere Last, sie ständig an die Ungläubigkeit des einst verehrten und geliebten Menschen erinnernd, mit sich herum zu tragen, denn den Mädchennamen Barsata anzunehmen, verbat ihr die Familienehre ihrer Eltern, die von der unglücklichen Wendung des Daseins ihrer Tochter noch nichts, nicht einmal den Hauch eines Wörtchens erfahren hatten.

Helga Ritter, geborene Barsata hatte sich , um nicht aufzufallen und ihr Unglück publik zu machen, im gleichen dreiundzwanzigstöckigen Wohnblock, in dem sie einst mit Herrn Ritter wohnte, eine Kleinsteinzimmerwohnung gemietet, sodass auch neben ihren Eltern keine weitere Sterbensseele auf dem Laufenden war, alle Sehbekanntschaften, andere kannte das Ehepaar Ritter nicht, nach wie vor, nicht ohne Neidgefühle, von einem für sie selbst unerreichbaren und unvorstellbaren Glück des Paares ausgingen. Das Leben von Helga war einsam, denn um den Schein, ja beinahe den unverdienten ihr von den Nachbarn zugesprochenen Heiligenschein zu wahren, musste sie der vollkommenen Einsamkeit und Enthaltsamkeit frönen. Nicht einmal ein Haustier durfte sie halten, da dies in der Hausordnung des Miethauses verboten und Helga diese durch Unterschrift des Mietvertrages explizit anerkannt hatte.

Dort standschwarz auf weiss geschrieben, dass Haustiere, wohlverstanden auch stumme Fische, die Grösse von dreiundzwanzigkommafünf Zentimeter nicht überschreiten dürften. In der Not ihrer abgeschotteten gefühlslosen Welt, verschlang Frau Ritter alle Wissenschaftsdokumentationen die sich mit der Miniaturisierung befassten. Sie erkannte mit der Zeit die ungeheuren Entwicklungen die Transistoren, Elektroden, Computerbauteile, Medizinalinstrumente, invasive Techniken durchliefen, begann in ihrem Hirn einen eigenen Silberstreifen der Hoffnung sich zu bilden, der zwar auch, logischerweise wie sie sich selbst eingestand, erst in Miniaturformat erschien, doch stetig mit der Entwicklung der Technik wuchs. Als dann Helga von den Fortschritten der Genmanipulation las, von den Forschungsergebnissen Viren in die Kleinheitshölle zu senden und diese dadurch zu unschädlicher Makulatur zu reduzieren, wurde Frau Ritters Haar silbrig leuchtend, was sie nicht auf ihr Alter zurückführte, sondern auf das Wachstum des in ihr ruhenden Hoffnungsschimmers, der sie immer mehr einzunehmen wusste.

Sie begann nun selbst zu experimentieren, mietete in einer alten Fabrik ein Labor an und es gelang ihr kurz bevor sie das Jenseits aufzusuchen hatte, um eine neue Seelenwanderung zu beginnen, die Aufzucht einer Minikuh, die folgsam in einer Streichholzschachtel hauste, drei Gräser im Tag frass und dafür täglich drei Kleinsttropfen Milch als Lohn abgab, selbstgenügsam weidete, und kaute die drei Gräser brav und geduldig, Schicksal ergeben wiederkäute. Doch bevor Helga feststellen konnte ob das Bonsaiwesen beseelt sei, gab sie die ihre am Himmelstore ab und das Resultat ihrer Lebensarbeit, die Minikuh, verhungerte elendiglich aber ergeben und in sich ruhend in ihrer einsamen Streichholzschachtel, der sie nicht entkommen konnte, obwohl ihre Träume nach Grösse im Nirwana sich dabei verirrend verloren.


"Mini" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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