Kurzgeschichte der Woche

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Polizei

Dieses Schild ruft bei mir stets ein schlechtes Gewissen hervor. Weshalb? Was habe ich Falsches getan, kramt sich dann ein Gedanken aus meinem Hirnnähkasten das ich so schlecht kontrollieren kann. Er unternimmt was er will. Der Gedanke. Wann er will. Oder es. Das Hirn. Das dann im Nähkasten, im Vorrat wühlt und nach äusserlichen bildlichen Impulsen neue Bilder produziert. Uniformen. Blaulichter. Handschellen. Verhörzimmer mit blinden Beobachterspiegeln. Kindliches bringt es dann hervor. Das Hirn. Aber immer Passendes. Um mich zu narren. Dann sind mir die Traumbilder doch noch lieber. Die werden nach reinem Zufallsprinzip projiziert. An die innere Augenleinwand geworfen. Ja, und von so einem Traumgebilde will ich berichten. Heute erzählen. Sie liebe Leserin, lieber Leser nehmen dabei die Rolle des Psychiaters ein. Ich lege mich bei Ihnen auf die Ledercouch. Nein, nicht in böser Absicht. Keineswegs. Will nur endlich meine Polizeiphobie besiegen. Erzähle Ihnen meinen Traum. Erschrecken sie nicht dabei. Halten sie die Hand fest an ihrem Pult. Bleistift gespitzt? Dann kann es losgehen. Also, entschuldigen sie bitte, beschäftigen sie sich jetzt ganz mit mir und lassen ihre Gedanken, so süss diese auch sein mögen nicht schweifen!

Also ich war im Traum ein Haar einer Polizistin. Können sie sich das vorstellen? Ein Haar. Ein einzelnes blondes Haar. Gefärbt und nachgefärbt zwar. Aber ein Haar! Das Besondere an jenem, oder muss ich diesem sagen, war, dass es mit zweiundzwanzig Augen gespickt in die Verbrecherwelt schaute. Rundumaugen. Besass keine Nase. Und natürlich auch nicht Füsse oder Arme, sonst hätte ich ja fliehen können. Vor einer Polizistin fliehen? Nein, da hätte diese meine Gastgeberin auf mich geschossen. Und das, obwohl ich deren Zielgenauigkeit stark anzweifelte. Sie hätte bestimmt nicht getroffen. Auf ein Haar zielen. Ein eigenes Haar treffen. Das wollte ich trotz allem nicht riskieren. Oder doch höchstens in einem Augenblick in dem ihre Aufmerksamkeit, nein ich meine nicht diejenige die Sie mir als Facharzt zu schenken haben, sondern die der Polizistin auf deren Kopf ich im Traum den ich berichte festsass, in dem deren Aufmerksamkeit durch Anderes gefangen sein würde. Gefangen? Finden Sie Herr Doktor nicht, dass dieses Wort bestens zu meinem Traumbild passt? Sozusagen der Pass zu diesem darstellt. Wo bin ich gefangen? Auf welchem Kopf? Sie sind doch ein Anhänger der Assoziationslehre. Von Assoziationsleere die ich hier auf ihrer Ledercouch jedes Mal empfinde will ich jetzt nicht sprechen. Mich lieber an dem einzelnen Haar mit seinen 22 Augen, das ich ja in diesem Traum war festhalten. Auch wenn ich pudelnass werde, wenn meine Gastgeberin, die Polizistin, wieder einmal ausnahmsweise nicht jemand anderen, sondern sich selbst den Kopf wäscht.

Ja, und da geschah das entsetzliche. Meine Polizistin wurde älter. Meine Wurzel begann auszudorren Einzelne meiner Gespielinnen und Gespieler, ist das das richtige Wort, fielen aus. Fielen einfach zu Boden. Segneten das Haarzeitliche. Und so ging es mir auch. Ich lag plötzlich in der Gosse. Im Waschbecken. Fiel in den Siphon. Was nützten mir da die zweiundzwanzig Augen? Können Sie mir eine Antwort geben …?


"Polizei" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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