Kurzgeschichte der Woche

Ruhestand

Ein Fast-Read-Roman

Boris Scharkowski war früher Zahnarzt. Jetzt im Ruhestand. Im belebten Ruhestand, konnte wohl gesagt werden. Denn Scharkowski hatte sich zwar aufs Land zurückgezogen, nach Wen- gersberg, einem abgelegenen Weiler, hatte sich dort ein Anwesen mit einigen Hektaren Land und Wald gekauft, und zwar von einer Bauernwitwe, von deren sieben Kindern keines den Hof übernehmen wollte, leider, wie die rundliche Bäuerin mit dem grauen Haardotz immer wieder betonte. Boris konnte das Haus mit allem toten und lebenden Inventar übernehmen, so dass dieses vom ersten Tag an, als er in den stattlichen Bau zog, betriebsbereit war, betriebsbereit für den nächsten Lebensabschnitt, fernab von Zange, Bohrer und Amalgam. Und doch hatte er sich, wie andere Menschen Fotoalben oder gebündelte Liebesbriefe mit rosaroten Bändelchen sammelten, eine Erinnerung an seinen früheren Beruf ausbedungen, es sich regelrecht abgerungen. In der Scheune hatte er nämlich seinen alten Zahnarztstuhl mit eingebautem Bohrgestänge samt verbundenem Spuckbecken, das über Jahre so viel Blut gesehen hatte, aufgestellt. Zwischen Heugabeln und Rechen, Böckchen und Reisigbesen, neben Schnüren und Spinnweben stand er verlassen, vergessen, ein Relikt aus früheren Zeiten.

Boris lebte sich wohl ein, sein Meisterknecht besorgte die Wirtschaft, und Boris genoss die Natur, schaute nach dem Rechten und dem Linken, verlor dort ein Wort, betrachtete die quirlenden Strudel im Forellenbach, die Katze beim Mausen, das vertane Leben einer abgefallenen Apfelblüte, unbefruchtet wohl und deshalb am Boden ein Spielzeug der Winde. Das ganze Problem begann mit den Landwirtschaftsmaschinen, deren Innereien er eines Tages auf einem seiner Rundgänge inspizierte. Er entdeckte ein Zahnrad, massenweise Zahnräder, die ihn reizten, aufmüpfig werden Hessen seinem geruhsamen Landleben gegenüber. Er schloss seinen Zahnarztstuhl samt eingebautem Bohrer und verbundenem Spuckbecken dem Stromnetz an und begann, die Zahnräder auszuebnen, zu runden, abzuschmirgeln unter Funkenwurf und Bohrgesumme, tagelang, nächtelang, in Hingabe, voller Inbrunst schliff er ab, Zahnrad um Zahnrad, bis der Meisterknecht ihm davon Kenntnis gab, dass in der letzten Nacht Marder in den Hühnerstall eingedrungen, ein Blutbad angerichtet, man aber nichts machen könne, das sei Natur, gleich wie wenn der Fuchs die Gänse schlage oder der Wolf die Schafe reisse.

Boris legte sich darauf vor dem Hühnerstall auf die Lauer, drei Tage und drei Nächte lang, fing mit blossen Händen einen Marder, brachte ihn zu seinem Stuhl, setzte Hühnerzähne dem Marder ein, dem Huhn die Marderzähne, setzte dem Fuchs diejenigen der Gänse, den Gänsen scharfe Fuchsgebisse ein, war beseelt nur von Gerechtigkeit, in deren Dienst er sich jetzt stehen sah mit seinen Taten, vollbracht mit seinem Stuhl. Und als die Gans ihn schmerzhaft in die Wade biss, das Huhn ihm an die Kehle sprang, wusste er, dass Recht geschah, setzte sich auf seinen Stuhl, pflanzte Löwenzahn sich selbst gleich ein, pustete aus voller Lunge, und weiss flogen lustig weg die Pusteblumensamen, hinauf zum blauen, strahlenden Himmel.

Aus: Wegwerfwelten. Fast-Read-Romane
Verlag: Benteli, Autor: François Loeb als Bruno A. Nauser, Sammlung der in der Neuen Zürcher Zeitung, Zürich jeweils am Wochenende erschienen Fast Read Romane. Erscheinungsjahr 1984, ISBN 3-7165-0966-3


Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Im Juli 2016 schrieb ein anonymer Leser:

"Die Geschichte fängt ganz unschuldig an, dann kommen horrormässige Signale, das Schleifen der Zahnräder. Der Zahnarzt musste sehr flink sein, wenn er die Tiere fangen und behandeln konnte, im scharfem Tempo. Es ist wie im Märchen über den Hahn und Henne, in der die Arme von einem zu anderem rennt und einen Umtausch organisiert, In Ihrer Geshichte folgt der witzige Umtausch der Zähne und die Tiere bestrafen z.T. ihren Quäler, der die Natur korrigiert. Schon die Vorstellung des Zahnarztsessels unter dem landwirtschaftlichen Geräten ist absurd, genauso wie die fachkundigen Eingriffe. Eine märchenhafte Groteske, wie vom tschehischen Künstler Jan Svankmajer."


"Ruhestand" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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