Kurzgeschichte der Woche

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Wolkenkuckucksheim

„Wussten Sie, dass Wolken Nummern tragen? Und auch Verfallsdaten? Nein? Bis vor sechzehn Tagen war mir dies auch unbekannt. Nachhaltig unbekannt. Ich hätte jeden ausgelacht, der vor mir Wolkennummern-Stories ausgebreitet hätte. Ins Reich der Kindermärchen hätte ich solch gesagte Sagen abgetan.
Ja, das war vor sechzehn Tagen. Die Welt, meine Welt, hat sich seither nachhaltig verändert. Und das kam so:
Das Anzeigenblatt, das mir Woche für Woche ungebeten ins Haus flattert, beachte ich nie. Ich brauche nichts, will nichts vom Brauchen wissen. Ärgere mich höchstens über den Verbrauch, den alle brauchen. Doch vor sechzehn Tagen, da war es anders. Ein toter Zahn war schmerzhaft zu neuem Leben auferstanden, raubte mir jeden Schlaf. Was blieb mir da anderes übrig, als zu lesen. Belanglosigkeiten in mich aufzunehmen, um die Schmerzenszeit der Nacht zu überbrücken. Da kam mir das besagte Blatt gerade recht. Der Austräger brachte es um Nullvierdreissig, mitten in der stockdunklen Nacht. Begleitet von einem Zahnwehtee, gebraut nach Rezept meiner lieben Mutter, und einem warmen Backenwickel las ich Blatt um Blatt ohne auch nur das Geringste zu verstehen. Wort für Wort perlte an den Schmerzen ab. Alles. Bis auf eine Anzeige, die sich – ich weiss nicht weshalb – Wort für Wort und Satz für Satz in mein Gedächtnis brannte:

"Wolkenkuckucksheim. Urlaub einmal anders. Heben Sie ab in die Wolken. Mit uns! www.wolkenkuckucksheim-reisewolkenagentur-ciel.com"

Da die Nacht lang und die Schmerzen gross, musste ich Ablenkung finden. Wählte mich ins Internet bei www.wolkenkuckucksheim-reisewolkenagentur-ciel.com ein. Sah wundervolle Wolkenbilder, säuberlich nummeriert und als wär's eine Sammlung von Schmetterlingen, fein mit Nadeln aufgespiesst. Wolke für Wolke. Stück für Stück. Und die Vielfalt war – das ist keinesfalls übertrieben – so grandios, als befände ich mich in einer Bibliothek mit siebenhundertdreiundfünfzigtausend Bänden. Ich musste diesen Urlaub nach kurzen Surfvergnügen buchen. Koste es, was es kosten möge. Mit oder ohne toten Zahn. Das lag für mich in Granit gemeisselt, mit Wolkendunst geschrieben fest. Die Betriebsanleitung auf der "Page", die gleich folgte, zeigte mir Klick für Klick den Weg, welchen ich zurückzulegen hatte.

Als erstes bat mich der Computer die Anleitung, die nun folgen würde, genauestens zu beachten und keinen auch noch so kleinen Schritt je auszulassen, ansonsten sei die Katastrophe nicht abzuwenden. Zudem empfahl mir die Wolkenkuckucksseite den ganzen Vorgang "abzusafen" und – das sei Voraussetzung zum Gelingen – per Mausklick auszudrucken. Was ich dann auch schleunigst tat. Vierzehn Schritte sah das Prozedere zur Urlaubsbuchung vor. Vierzehn Schritte, die ich gewillt war, peinlichst genau zu befolgen.
Als erstes wird von mir verlangt, ähnlich einem Bewerbungsschreiben, die letzten Stunden exakt zu beschreiben und zwar bereits wie ich zur Wolkenkuckucksanzeige gekommen sei und all die weiteren Schritte bis zur Urlaubsbuchung, wobei ich mir bewusst zu machen hätte, dass nichts auszulassen sei, auch nicht das allerkleinste Detail.

So lese ich meinen Bericht jetzt wieder und dann noch einmal durch, bin überzeugt, mit klarem Kopf und voller beispielhafter Gründlichkeit die aufgetragene Pflicht erfüllt und dadurch die Kür verdient zu haben.
Als nächstes habe ich auf der Tastatur des Rechners den Buchstaben W mittels Zange abzuknipsen und mir diesen dann an den Zeigefinger zu stecken. Mit dem Zeichen Strichpunkt-Punkt sei ähnlich zu verfahren, nur sei dieses an den grossen rechten Zeh zu stecken.

Als nächste Schritte habe ich dann die Bildschirmscheibe einzuschlagen, die Stromversorgung herauszuziehen, den Datenspeicher mit den blossen Fingern zu leeren, mir die gewonnenen Daten, als sei es Asche, reuevoll übers Haupt zu streuen, ein Pentium-Süppchen mir zu kochen, es zu schlürfen und die Kolik, die nun folgen werde und tödlich sei, einfach zu ignorieren.

Kommissar Hansen las das Dokument, welches vor der am Computer gelehnten steifen Leiche lag. Er wunderte sich nicht über den Tathergang, auch nicht über die Schritt-für-Schritt-Beschreibung. Der dreihundertdritte Fall war es, zu dem er heute bereits gerufen worden war, und die Schritt-für-Schrittberichte waren alle gleich, lagen jeweils auf dem Pentium-Rechner.
"Ein Beruf ist das", sagte Hansen seufzend zu sich selbst, "habe Urlaub nötig, nach all dem, was geschehen ist. Wolkenkuckucksheim wäre wohl das einzig wahre Ziel."


"Wolkenkuckucksheim" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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