Kurzgeschichte der Woche

Das Schaf im Wolfspelz

Ein kuscheliges Jungschaf durchlief sein Erwachsenwerden, war unzufrieden mit seinem Aussehen, beschloss ohne sich einem anderen Schaf anzuvertrauen, geschweige denn dem Mutterschaf, sich eine neue Identität auszusuchen. Auf keinen Fall wollte das pubertierende Schaf mehr kuschelig sein. Viel mehr wollte es einen entsetzlichen Ausdruck besitzen, der alle anderen erschrecken sollte. Nächtelang, während die anderen Schafe ihren Träumen nachhingen, überlegte es, beinahe ohne einen anderen Gedanken fassen zu können, wie das zu bewerkstelligen sei. Ja, wenn es wie ihr größter Feind aussehen könnte, wie der Wolf, von dem alle Schafe eine Heidenangst besaßen, da er diese reißen, in blutige Stücke zerteilen, und per Express in seinen Magen, zumindest Stücke davon, befördern könne.

Doch wie dies erreichen? Eine Denkaufgabe die das junge Schaf an die Grenzen seiner Vorstellungskraft zu bringen drohte. Den Wolf angreifen? Ohne Reißzähne? Diesem eine Falle stellen? Doch wie? Unruhig verbrachte unser Schaf seine Nächte. Bekam unter seinen Augen im weißen Pelz davon schwarze Ringe, sodass seine Mutter bereits daran dachte, dass der Bauer das entdecken und das junge Schaf in seinem Viehwagen ins Schaf-Nirwana entführen würde, aus dem noch kein Artgenosse die Rückkehr, geschweige denn eine Wider- oder eine Wiedergeburt gefunden habe.

Da, in einer Vollmondnacht, kam der Geistesblitz über das so suchende, jugendliche Schaf. Es sprach seine Artgenossen in der Wolfssprache an, das es so emsig studiert hatte. Der Wolf, der sich nachts darauf an die Schafsherde heranschlich, erschrak darob so mächtig, dass er die Schafssprache erlernte und seither friedlich sein Dasein ohne Schafsgerichte zu verzehren, noch ein Schafsgericht, vor dem er sich zu verantworten hätte, zu fürchten, bis zum heutigen Tag genießt. Und falls er nicht gestorben ist, lebt er in den Sagen und Mythen der Schafe als großer böser Wolf weiter.




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"Das Schaf im Wolfspelz" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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