Kurzgeschichte der Woche

Eisige Winde

Habe ich herrlich geschlafen. Richtig ausgeruht bin ich. Wie bereits seit langem nicht mehr. Ja, seit Jahren. Strecke mich. Die Vorfreude auf den beginnenden Tag brodelt in mir. Die virtuellen Frühstücksdüfte wedeln um meine Nase. Nur daran zu denken löst Magenknurren aus. Öffne das Schlafzimmerfenster groß auf. Vogelgezwitscher. Bienensummen. Blütendüfte. Ach ist die Welt doch so herrlich. Das Leben süß. Wären nur nicht die Berufszwänge. Bürogänge. Schlecht gelaunte Bosse. Intrigen. Machtkämpfe. Zurück in die Nachtversenkung diese Gedanken. Ist ja auch Samstag. Freier Tag! Freie Gestaltung. Nur kurz den Rechner hochfahren. Einschalten. Kennwort. Bildschirm flimmert freundlich. Nicht wie an einem Werktag an dem jeweils bereits zahllose Popups auf Erledigung warten noch bevor ich meinen bescheidenen Schreibtisch erreicht habe. Blanker Schirm.

Na ja ist Samstag. Gut dass niemand etwas von mir will. Aber ein grauer leerer Schirm ist auch nicht die Norm. An Samstagen popt sonst irgendein Landschaftsbild auf. Mit der Frage ob es mir gefällt und einem Dankeschön auch wenn es mir auf den Nerv geht, ich es scheußlich finde. Aber immerhin ein Dank. Muss also heute Dankeslos in den Tag. Aber bestimmt nicht Gedankenlos! Meine Gedanken kreisen bereits seit Jahren um die Zukunft unseres Planeten. Meine Zukunft auf ihm. Die Meldungen über Klimawandel, Überschwemmungen, Tsunamis, Erdbeben, Dürren, Fluten, Osterglocken an Weihnachten. Weihnachtsmänner an Ostern. Bikinis für den Februarschnee und was da sonst für Gräuelkatastrophen auf uns zukommen. Seltsam heute früh ist es kühl. Nein kalt. Jedenfalls für die Jahreszeit. Passt zu den Meldungen die uns täglich fluten. Aber so kalt? Muss meine Winterjacke holen. Und das im Hochsommer. Ist eingemottet. Finde sie im Keller. Mottenpulvergeruch. Wie ich den hasse. Zurück an den Rechner. Will die Wetterprognose abrufen.

Da! Seltsam. Oben links. Kein Netz. Wie kann das sein? Gehe zum Router. Der ist stumm. Kein Lichtlein blinkt. Muss was mit dem Strom sein. Panne? Ein Gepolter nimmt meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Muss nachsehen gehen. Unten beim Eingang hat es richtig gekracht. Steige die Treppe herunter. Nein, das ist nicht möglich. Ein Mammut versucht sich durch den Eingang zu zwängen. Öffnet die riesige Schnauze. Hämmert mit den Stosszähnen gegen den Türrahmen. Röhrt, nein, das kann nun wirklich nicht sein, mit menschlicher Stimme: „WILLKOMMEN IN DER EISZEIT!“ Grinst dabei auf den Stockzähnen.
Wo nur hat das Vieh seine Sprachkurse besucht?



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"Eisige Winde" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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