Kurzgeschichte der Woche

Gute Vorsätze

Jahreswechsel! Wild feiern. Gut essen. Feuerwerk. Himmlisch gen Himmel schießend! Farben. Vulkane. Kirchenglocken. Was für eine Feier! Was wohl das neue Jahr in sich verborgen hält? Ich blicke auf zu den Sternen die dieses Jahr am Himmel hell wie selten prangen. Gutes Omen? Bestimmt. Anders kann es nicht sein. Würden Wolken am Firmament vorüberziehen, wäre ich nicht dieser Ansicht. Bereits in Urzeiten achteten alle auf Himmelszeichen. Kometen. Sternbilder. Sternennebel. Ja, die Zukunft liegt im Nebel. Doch ist das Eine oder Andere steuerbar. Die guten Vorsätze zum Beispiel, die sich jeder Siebenundzwanzigste Komma drei zwei, gemäß statistischem Welt-Amt-Bulletin 33/10 der Weltbevölkerung beim Übergang in ein neues Jahr stellt. Gehöre also nicht zur Mehrheit, doch weiß ich ein großes Heer Gleichdenkender hinter mir. Also noch in der Silvesternacht mich dahinter machen. Oder heißt die Nacht Neujahrsnacht?. Nun, jedenfalls habe ich mir trotz dem leichten (? ha ha!) Alkoholpegel im Blut diese Aufgabe gestellt. Gute Vorsätze! Wie komme ich nur auf diese Idee.

Abstruse Gedanken suchen mich manchmal heim. So auch dieser. Denn ich weiß, dass kaum ein Jahr vergeht indem ich mich nicht diese Minderheit gemäß statistischem Welt-Amt, oder Welt-Büro, bestimmt nicht Wettbüro, denn dort würde dieses permanent gewinnen, wenn es auf die Umsetzung dieser guten Vorsätze Wetten abschließen würde, anschließe. Auch bei mir, wie ich beschämt mir selbst eingestehe. Doch dieses Jahr soll es anders sein. Nur Mögliches vornehmen. Nichts Unerfüllbares, wie den Nikotinabusus einstellen. Oder die Mutter der Schwiegermutter häufig besuchen. Bei Beidem würde ich die Wette verlieren. Oder Abstinenz in vielen Bereichen. Weshalb sich abstinieren? Bei Absinth würde das noch umzusetzen sein. Die grüne Fee, wie dieses einst verbotene Gebräu auch in Insiderkreisen genannt wird, schmeckt nicht absonderlich fein. Schnürt einem die Füße ab, doch im Kopf bleibt eine unerträgliche Klarheit bestehen. Also erster Vorsatz Absinth abstinieren. Und der zweite? Auf drei muss ich jedenfalls kommen. Den Wurmvorsatz entfernen lassen? Ach nein, der schreibt sich ja mit einem F, wie kann mein Hirn mich nur auf solch falsche Fährten führen? Nur noch fünf Glimmstängel am Tag? Unmöglich, wenn dann der Stress unerbittlich zuschlägt.

Ich liege, es ist drei Uhr fünfzehn in der Früh, also siebenundzwanzig Uhr und ein Drittel des Silvestertages, oder der Silvesternacht, mich in meinem Bett unruhig hin und her wälzend. Weniger am Computer oder Smartphone spielen? Mich rigoros auf eine Stunde pro Tag beschränken? Unmöglich! Das würde nicht gelingen. Also von drei Gutfortsätzen (Entschuldigung Gutvorsätzen) auf zwei reduzieren. Na ja, auch der erste ist zu streichen. Denn nicht wahr (ein komischer Ausdruck, will der doch besagen dass es wahr ist), wenn ich eingeladen bin kann ich doch die gute Fee nicht verweigern. Da! Geistesblitz! Nur ein Vorsatz beschließen in dieser Nacht: Einer der bestimmt einzuhalten ist! Dieses Jahr KEIN VORSATZ, AUCH KEIN FORSATZ vornehmen und ich schlummere selig ein …!



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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 28. Dezember 2018 schrieb ein anonymer Leser:

"Lieber Herr Loeb, wie aktuell sind die Guten Vorsätze, mit einer ironischen Pointe, die nach spekulativen Peripetien folgt! Sehr raffiniert verfasst, die Aufzählung der charakteristischen Merkmale der Silvesternacht in kurzen, prägnanten Aussagen. Die Spannung wächst, das hin und her des Protagonisten, bis zur befreienden Entscheidung. Sie haben Humor."




"Gute Vorsätze" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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