Kurzgeschichte der Woche

der Warter

Ein Fast-Read-Roman

Ich bin ein Mensch, der es stets eilig hat. Meine Aufgaben verlangen das von mir. Meine wichtigen Aufgaben. Die ich zu erfüllen habe. Welche nicht warten können. Deshalb bin ich manchmal ungeduldig. Sehr ungeduldig sogar. Oft. Man kann auch sagen, das Warten falle mir schwer. Oder ich könne überhaupt nicht warten. Das Warten sei mein grösstes Problem. Nun, Probleme sind da, um gelöst zu werden. Schnell gelöst. So habe ich denn einen Warter angestellt. Einen privaten Warter. Wie früher die Könige einen Vorkoster. Einen Menschen, der für mich wartet. Immer, wenn ich zu warten habe. Zum Beispiel im Wartezimmer des Arztes. Mein Warter muss immer mit mir zum Arzt kommen. Seine Einsatzchancen sind dort besonders gross. Oder wenn ich mit dem Flugzeug oder der Bahn reise. Mein Warter kommt mit. Aber auch in Nobelrestaurants, in denen Warten zum guten Ton gehört, oder im Supermarkt vor der Kasse. Am Fussballmatch, in der Pause beim Würstchenholen, kann er so wenig fehlen wie am Skilift und vor allem beim Stau auf der Autobahn. Sie werden sich nun fragen, für was ich einen Warter brauche, wenn ich ihn immer mitnehme und beim Warten nebst dem Warter dann auch selbst warten muss, um anschliessend nicht auf einen Warter warten zu müssen. Sehen Sie, der Grund ist einfach der, dass, wenn der Warter für mich wartet, ein Dritter für mich wartet und ich - auch wenn ich warte - effektiv nicht mehr warte, da ich nicht mehr erwarte zu warten. Ich lasse dann warten. Eben den Warter.

Aus: Wegwerfwelten. Fast-Read-Romane
Verlag: Benteli, Autor: François Loeb als Bruno A. Nauser, Sammlung der in der Neuen Zürcher Zeitung, Zürich jeweils am Wochenende erschienen Fast Read Romane. Erscheinungsjahr 1984, ISBN 3-7165-0966-3


"Der Warter" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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