kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.

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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :

D R EINST

Im hintersten dunklen Wald — ich wandere dort gern an heissen, Sonnenbrand verursachenden Tagen — habe ich vor zwei Jahren eine Klause entdeckt. Aus Holz grob gezimmert, mit einem Alu-Abzugsrohr, dessen Aufgabe, so vermute ich, die herbstliche Übergangszeit erwärmen soll. Bereits seit Langem habe ich vor, mir diese einfache Aufenthaltsstätte näher anzusehen. Zu Beginn dieses Sommers bin ich dann in deren Nähe über den dorthin führenden Trampelpfad gewandert. Alles war verriegelt. Das Fensterchen oben rechts neben der aus Balken bestehenden Eingangstür hingegen entliess einen flackernden Lichtschimmer, sodass ich mir sicher war, die Klause sei bewohnt. Doch wer um Himmelswillen könnte eine so einfache Hütte bewohnen? Muss wohl ein Waldarbeiter sein, räsonierte ich gleich. Eremiten gibt es heutzutage kaum noch, und wenn, nur an besonderen Orten. Und dieser kann nicht als solcher bezeichnet werden. Die Neugier trieb mich damals näher. Doch stören wollte ich keinesfalls. Möglicherweise schlief der oder die Bewohnerin an diesem Sonntagmorgen seinen Muskel-Regeneration-Schlaf des Gerechten. Links neben der derben Tür war ein Holzschildchen angebracht, auf dem ungelenk in krakligen Buchstaben mit Brandschrift folgendes zu lesen war: « D R EINST ». ‘Ein Doktor in der Waldeswüste’, kitzelte der in mir wohnende Schalk sogleich mein Zwerchfell. Schob flugs die Frage nach: 'Was hat ein Akademiker in dieser Einsamkeit zu suchen?’ Nun gab mein Intellekt unmittelbar den möglichen Grund lauthals stumm bekannt: Forschung. Eine Untersuchung, die dem Doktor professorale Würde einbringen wird. Doch obwohl meine alte Neugier es kaum zulassen wollte, wanderte ich an diesem Tag weiter. Fort vom doktoralen Rätsel zurück unter das Menschengewimmel der Stadt und meiner so zahllosen Bekannten.

Doch in Ruhe liess mich das Klausentreffen nicht. Verfolgte mich bis in den Schlaf. Liess mich über Sinn und Zweck der Forschung die wildesten Abenteuer erträumen. Als dann daraus immer zahlreichere Albträume erwuchsen, als sei die Eremitei ein Ding, das mich fest in ihren Klauen halte, beschloss ich, nach dem mich letzte Nacht heimsuchenden Alptraum, ja mit P geschrieben und nicht mit B — die Klause hob darin ab, öffnete ihren Aluschlund und erfasste damit unseren ganzen Kontinent, der samt Haut und Haar in den klimatischen Verdauungstrakt der Hütte gelangte, dort von den Tornadosäften kleingehackt zum Mond entlassen wurde —am Folgetag, einem Sonntag, mich zur Einsiedelei zu begeben und den D r. Einst zur Rede zu stellen. Ihn zu interpellieren, weshalb er sich meiner für seine Forschungsarbeit bediene, mich mit seinen Horrorvorstellungen bis in die Angstträume hinein verfolge.

So breche ich bereits um sechs Uhr auf, im Rucksack eine Flasche Trinkwasser und ein Fläschchen Geweihtes aus der nahen Kirche (wer weiss denn, wem man begegnen könnte), in Richtung tiefen Wald, obwohl es an diesem Ruhetag, das ist ja meistens an Feiertagen so, Bindfäden regnet. Kämpfe mich durch sumpfige Pfade. Kaum den Wald erreicht, quietschen meine Schuhe bei jedem Schritt Innenwasser verdrängend laut vor sich hin. Verlaufe mich. Erkenne keine der mir eingeprägten Wegzeichen. Komme alsdann dem Gefühl nach, zahllose Kreise gelaufen zu sein, trotz allem an mein Ziel. Die Hütte steht da. Aus dem Alurohr kräuselt sich gemütlich weisser Rauch, als sei dem Waldeskreis soeben ein neuer Papst geschenkt worden. Das Schild D R EINST steht unbeschädigt links des Tores zur Rätsellüftung. Nehme meinen Mut in alle vier bei mir noch intakten Weisheitszähne, klopfe mit meinem verknorzten, Neugiersättigung fordernden Wanderstab kräftig an die Eingangstür.

«Nur hereinspaziert », antwortet ein kräftiger Bass.

Fest auf die vier Mutspendenden beissend drehe ich den einfachen Holzknauf. Trete in das Halbdunkel. Es riecht nach wärmespendendem Feuer. Zudem erreicht ein fein duftender Geruch zahlreicher Wildkräuter meinen Nasenschlund, während der Bass mich herzlichst willkommen heisst.

«Hoffe, ich störe nicht, verehrter Herr Doktor », entschweben unbeholfen die ersten Worte meiner rauen Kehle, die sich nach einem Schluck Wasser aus dem Rucksack zur Verdrängung der aufkommenden Angst sehnen.

«Wollte nur erfahren, woran Sie forschen, verehrter Herr Doktor », höre ich meine eigene Stimme mehr krächzend als melodisch klingend.

«Lass den Doktor! », weist er mich zurecht.

«Mein Leben habe ich dem Wörtchen ´DEREINST´gewidmet », tönt sein tiefer Bass. Ich erkenne jetzt im Halbdunkel eine von Furchen durchzogene Stirn, umrahmt von einem langen struppigen Bart. „Analysiere das Wörtchen, dem ich mein Sein geweiht habe,“ fährt er fort. ´DEREINST‘ weist in die Zukunft. Beinhaltet gleichzeitig die Vergangenheit. Beides im gleichen Begriff. Siehst Du den Zusammenhang? Dereinst wird sein wie die Vergangenheit. Wie das Einst! Das ist das Ergebnis meiner lebenslangen Suche. Alles, was wir so gerne ändern würden, lässt sich nicht ersetzen. Der Mensch bleibt der Mensch wie er einst war und dereinst sein wird …!

Und nun geh trotz allem in Frieden weiter. Hoffe, deine Neugier ist befriedigt, da die Zukunft nichts Neues bringen wird …!“

Habe ich geträumt? War das mein neuer Albtraum? Ich hoffe sehr … 



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

D E R E I N S T

Einst
Zukunft
Lauthals ward.

Karg keinesfalls
Vergangenes 
Verklebt am
Engehals.

Da das Einst im Nu
Entherzt ward
Neues Jetzt.




Die Wochengeschichte und/oder der Dreisatzroman können stets mit Quellenangabe (https://www.francois-loeb.com//kurzgeschichten-kostenlos-lesen/geschichten-erhalten/) auf Ihrer Homepage Ihrem Blog, oder der Vereinszeitschrift kostenlos aufgespielt werden!
Ich freue mich darüber!!


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