Ich verbinde Sie
Freundlich werde ich von einer weiblichen Stimme, sehr angenehm im Ton und extrem mir zugewandt, emphatisch klingend begrüßt und nach meinem Begehr gefragt. Ich schildere dieses möglichst exakt. Und die Antwort kommt prompt: "Ich verbinde Sie." "Danke, dass Sie mich verbinden", antworte ich. Und es vergeht Zeit. Tick, tack, tick, tack, tick, tack ..., keinesfalls TICK TOCK, dafür fehlen mir die Minuten und Viertelstunden. Wertvolle Zeit, zerfleddert in Riesenschritten. Wartezeit. Ungeduldig spielen meine Finger auf einer virtuellen Tastatur, wollen meiner Ungeduld Gestalt geben. Doch vergebens. Immer wieder Musik, die ich nicht mag. Ich bin ein Klassikfan, und der Rap geht mir auf den Tapp. Doch ich bin kein Depp, will mein Problem gelöst wissen. Von dieser Sorge erlöst. "Ich verbinde Sie." Naja, ich warte und warte und warte, bis hin zu dem Moment, an dem ich überlege, das Gespräch abzubrechen. Aber das ist doch keine Alternative, kein vernünftiger Vorschlag, den meine Synapsen mir geben. Das ganze Prozedere wiederholen, wiederum unendliche Zeit warten? Nein, nein. Geduld, Geduld, Geduld ist gefragt.
Und ich warte und höre mir die Rapmusik an und dann das ewige: "Ich verbinde Sie. Haben Sie einen Moment Geduld"; der letzte Halbsatz kommt noch leicht hüpfend dazu, als sei er ein Kleinkind, das sich des Lebens freut. Hmm. Die mir angebotenen Momente sind riesengross, ellenlang. Ich ertrage sie, indem ich mir vorstelle, diese unendlichen Augenblicke voller Glück in den Armen meiner Liebsten zu verbringen, diese dorthin zu transplantieren. Sie Armellenlang in die Glückslänge zu ziehen. Wer weiss denn heute noch, was eine Elle an Mass darstellt? Ich jedenfalls nicht mehr ... Nun, es geht weiter. Rap, Rap, Rap. "Ich verbinde Sie. Ich verbinde Sie." Bis meine Nerven auf dem letzten Zacken zucken und am Geduldsfaden nuckeln. Da, endlich eine Stimme, die sich nach diesem ewigen, wurmstichigen Wortsturm erneut freundlichst nach meinem Begehr erkundigt. Scheinbar kundig werden will. Erneuert erneut fragt. Und ich antworte: „Nein, ich will nicht verbunden werden. Nein, doch, ich will verbunden werden. Bitte, bitte. Möglichst rasch." Da kommt wieder das "Ich verbinde Sie". Das mindestens siebzehn Minuten und dreißig Sekunden währt bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich, welch technisches Wunder, wieder und keineswegs wider verbunden werde und die Stimme mir mit triefendem maschinellem Mitgefühl entgegenruft: «Ja, wo haben Sie sich denn verletzt, damit ich Sie verbinden kann?"
«Sie haben mich verletzt, und wie! » entgegne ich, mein KI-Faden ist jetzt endgültig gerissen, und an- oder abknüpfen lässt er sich in meinem Tech-Frust nimmermehr. So unterbreche ich voller Erlösungsfreude das Gespräch. Hänge auf, werfe den virtuellen Hörer auf die Gabel, die sich daraufhin schmerzhaft in mein virtuelles Hirn bohrt.
Ich kann nicht mehr. Oh. Die Technik hat mich endgültig besiegt ...
Veröffentlicht am 05.03.2026