"Überhaupt" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:
Überhaupt
«Überhaupt», ploppt seit einigen Tagen, oder sind es bereits Wochen, ein Pop-up inklusive Popp Shop auf all meinen elektronischen Geräten in bunten Farben alle zwei Minuten und sechsundvierzig Sekunden auf. So nervig. Nervtötend, sodass mir alle Glieder kribbeln, als sei ich schwerst an Multineuropathie erkrankt. Urplötzlich. Ursächlich? Wer kann dies schon bestimmen? Ich als medizinisches Greenhorn im 2. Semester des Medizinstudiums wohl kaum. Soll ich meinen Professor, eine absolute Koryphäe in der Neurologie, befragen? Mich bei ihm blamieren? Kommt absolut nicht in Frage. Will lieber Punkte bei ihm schinden. Die richtigen Antworten im Seminar blitzartig als erster verkünden. Zeigen wie gross mein Hirn, wie stark meine Synapsen sich dank täglichem Wachstum, dem Erstellen neuer Verbindungen sekündlich entwickeln, sich trotz Popp-ups und Ploppup-Stores resistent erweisen. Doch wer ist in der Lage, seine Nerven zu beherrschen? Helden? Dazu gehöre ich schlichtweg in Selbsterkenntnis nicht. Meine Nerven-Bahnen, also nicht jene, die durch Verspätungen oder Ausfälle glänzen, bestimmt nicht. Also, was ist zu unternehmen?
„Forschen ziemt sich für einen Studenten“, flüstern mir meine aufgeblähten Lippen heimlich zu. Diese sind mein kostbarstes Gut, meine allerbesten Freundinnen in dieser verrückten nervenaufreibenden Zeit. Nicht einzig zum Küssen da, obwohl ich mir das so intensiv wünsche. Doch kaum jemals zum Ziel gelange. So ist einzig deren Flüstermodus mein steter Begleiter. Oder eher Begleiterin? Das ist irrelevant in unserem so pro- oder gar antigressiven Jahrhundert, in dem alle Formen der Aus- und Eindrucksweise gesellschaftliche Akzeptanz gefunden haben, das Normale genüsslich ein Aussenseiterdasein pflegt.
«Überhaupt!!», jetzt als Follower, immerhin gefolgt von zwei fetten, sich jeder Abmagerungskur, selbst der Abnehm-Spritze, verweigernden Ausrufezeichen.
Wieder und wieder, leider niemals wider erscheinende, aufleuchtende Mitteilungen, die mir dieses unbändige, unkontrollierbare Kribbeln in allen Gliedern, selbst meinem Geheimsten, verursachen. Nun beginnen meine Synapsen zu zittern. So neu dieses Gefühl. Dieses Phänomen. Überhaupt was soll das? Selbst in meinem in Minuten vorzeitig ergrautem Haupt. Oder er-grautem Kopf. Doch das Haupt ist doch sächlich und nie männlich oder gar weiblich.
Bin ich Opfer eines Rechtschreibe-Hacks? Sind da etwa KI-Hacker am Werk? Doch meine wulstigen Lippen wissen es besser. Sie raunen mir jetzt rechthaberisch zu:
«Du bist ein virales Opfer der neu entwickelten Schlechtschreibe-App! Bedenke, dass dein Haupt befallen ist. Dein Über-Haupt von Viren befallen ist! Na denn, VIEL SPASS». Die letzten Worte schreien meine Lippen zum Himmel, sodass mein Lehrer sie bestimmt vernehmen kann. Bin wohl in Zukunft zur Neuromonologie verdammt, es sei denn, ich werde von meiner Leserschaft wie Schneewittchen aus meinem Tiefschlaf zum Gegen-Wart katapultiert …
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«Überhaupt», ploppt seit einigen Tagen, oder sind es bereits Wochen, ein Pop-up inklusive Popp Shop auf all meinen elektronischen Geräten in bunten Farben alle zwei Minuten...