Der Geschenkte Tag
«Ich werde dir einen ganzen Tag schenken», verspricht mir meine Freundin. Habe gelesen, dass Zeit das wertvollste Gut der Welt sei. Wertvoller als Gold, sogar wertvoller als Platin! Du musst nur etwas Geduld aufbringen. Ein kleines Quäntchen!
Ein klitzekleines Jährchen. Du weisst ja, wie schnell die Zeit verfliegt. Dafür wird das Präsent wundervoll verpackt sein. Und der Inhalt spannend, da heute noch verborgen. Das sollte für deinen Intellekt, deine Abstraktionsfähigkeit, die du täglich in deinem Beruf als Oberlehrer unter Beweis stellst, kein Problem sein. Was in ihm verborgen ist: Unbekannt! Du wirst staunen. Ich vermutlich auch. Denn das, was ich bereits jetzt hineinpacke, wird wachsen. Wie ein klitzekleiner Samen, der, in fruchtbare Muttererde gelegt, sich entwickeln und zu einem ausgewachsenen Baum heranwachsen wird.
Wie? Ja, das ist ein Jahresrätsel. Bis heute, und noch lange kennt niemand die Lösung. Auch ich nicht. Habe ich deine Neugier geweckt, als seist du der in die Erde gesteckte Samen und du selbst wissen möchtest, was noch alles an Möglichkeiten in dir steckt? Verborgen in deinem Wesen, falls nur genügend Zeit da wäre. Zeit eines geschenkten Tages. Hübsch verpackt in Sekunden, Minuten und Stunden. So hoffe ich jedenfalls. In mir auch! Am selben Tag! Dabei geht ein breites Lächeln, begleitet von einem hellen Glucksen über ihr so herrliches Gesicht, das ich immerwährend küssen könnte.
Geduld aufbringen? Ich bin ein extrem ungeduldiger Mensch. Möchte mit meiner Liebsten bereits seit Langem eine Familie gründen. Doch sie sagt, sie hätte dazu alle Zeit der Welt. Was ich echt bezweifle. Denn nicht wahr, es ist mehr als wahr, ich bin ein schrecklich ungeduldiger Mensch. So langsam dröselt sich der Faden in meinem Hirn auf, vermutlich besitze ich ein Spatzenhirn, sodass erst jetzt, nach langer Zeit, ein Licht in meinem Dickschädel aufgeht.
Kann es sein, dass die Liebste an diesem geschenkten Tag meinen so hehren Wunsch erfüllen wird? Deutet alles darauf hin! Doch wenn sie behauptet, das Rätsel selbst nicht lösen zu können, was dann? Bin ich auf der falschen Fährte. Blicke ihr tief in die azurblauen Augen, die wie Tiefseegebirgsschluchten in tiefem Meeresblau aufleuchten, hangle mich an ihrem linken Tränenkanal hinunter, stets in der Hoffnung, dem undurchdringlichen Rätsel auf den Grund zu kommen.
Doch selbst als ich in ihrer so unermesslich tiefen Augenschlucht ankomme, denke, ich hätte endlich augenblicklich festen Grund unter meinen Füssen erreicht, entdecke ich einen kleinen Seitenkanal, der mich in freiem Fall der endlich unendlichen Tiefe ihres Seins fallen lässt. Auf Tränenflügeln geht es weiter, und es muss längst mehr als ein Jahr vergangen sein, oder gar mehr? Bin ich dem geschenkten Jahr im Freiheitswahn enteilt? Gar an ihm vorbeigeschlittert, es verpasst haben, einzig, weil ich dachte, keine Geduld aufbringen zu können? Bin ich in den unendlichen Tiefen des Universums meiner Liebsten gelandet? Hat auch sie den geschenkten Tag verpasst, oder ist sie ihm ent-, besser gesagt endkommen? Doch in diesen Tiefen versickert jeder Schall, einzig Luftbläschen verbleiben, wenn ich oder sie etwas zum Besten geben möchten. Luftbläschensprache. Muss ich diese lernen? Doch wo und wie? Und beherrscht sie diese? Luftblasen statt Worte?
Kaltblütige Fischsprache?
Und da, ganz unmittelbar und plötzlich, kommt aus meinem Unterbewusstsein die Fähigkeit, diese neue Sprache zu verstehen.
Sie, meine Liebste, gibt mir zu verstehen, dass ich bis heute, dem geschenkten Tag, an dem wir uns in den Tiefen des Tränenmeers befinden, an diesem 29. Februar bisher um den heissen Brei herumgeredet hätte. Heisse Luft von mir gab. Ob ich ihr versprechen würde, in Zukunft in Luftbläschensprache, die ich dank ihr jetzt beherrschen würde, die eigenen Schleusen zu meinen Tränenkanälen zu öffnen, ja, dann wäre sie bereit aufzutauchen, um meine Familienwünsche zu erfüllen ...
Veröffentlicht am 05.02.2026