François Loeb GESCHICHTEN DIE DER BAHNHOF SCHRIEB

DAS WEIHNACHTSKIND

(aus: Geschichten die der Bahnhof schrieb. 24 Geschichten
Verlag: Benteli, Autor: François Loeb, ISBN 978-3-7165-1492-4)

Kalt ist es heute, eisig kalt. Der Wind bläst über die Geleise und lässt alles frieren, selbst die Eisblüten an den Fenstern haben es kalt. Sie träumen von den Zeiten, in denen sie geboren wurden. Mühsam bahnen sich die Züge ihren Weg, Verspätungen sind angesagt und durch die Lautsprecher scheppern die Botschaften durch die Halle. Kleine Gruppen von Menschen stehen eng beisammen und wärmen sich gegenseitig mit Augen-Blicken. Ihr Atem stockt über ihren Worten, Nebel bilden sich wie Sprechblasen, als wollten die Worte ihre Besitzer nie verlassen. Eine große eingemummte Frau ist aus dem letzten Zug gestiegen, verzweifelt sucht ihr Blick die Weite und hält sich an dem Wort „BERLIN“ nun fest, während sie das Abfahrtsschild umarmt. "Um Gottes willen", denkt sie laut und ihr ausgestoßener Atem gefriert beinahe, "ich muss dorthin, muss zu ihm und will bei ihm sein, wenn es so weit kommt". Die blecherne Stimme des Bahnhofssprechers ertönt in der eisigen Luft: "Der Expresszug nach Berlin verkehrt heute mit Verspätung, wann und wie werden wir miteilen, sobald wir Näheres erfahren."
"Oh Himmel", denkt die Frau und bemerkt dabei nicht, dass sie jetzt laut spricht, "ich werde hier noch erfrieren und das Leben in mir auch. So frostig ist die Welt. Könnte ich doch nur etwas Wärme finden! Was mach ich nur? Das Kind in mir ist so laut und unruhig heut. Es bereitet mir Schmerzen - ich will nach Berlin.“

„Wissen sie, wann der Zug fährt?", wendet sie sich an einen alten Mann, bei dem einzig die Nasenspitze neugierig und rot aus dem dicken Wollschal hervor spitzt. "Nein", antwortet er mit fremdländischem Akzent, der dem sonnigen Süden zuzuordnen ist, "nein, ach wissen Sie, auf nichts mehr ist Verlass auf dieser Welt, ich will zu meiner Tochter nach Berlin, sie erwartet ein Kind – hm, ein Weihnachtskind. Hmm, Ihr Zweites. Das Erste , oh Himmel…“ und eisiges Sekundenschweigen umhüllt Ihn auf einen Schlag. „Aber das Weihnachtskind… ", mehr als Hoffnung klingt jetzt in seiner Stimme mit, ein Hauch von Erlösung aus der Erdenschwere…! Der fröstelnden Frau scheint es, als lächele die rote Nasenspitze des Mannes bei diesen Worten. Mit Alltagsstimme fährt der Mann dann fort :„ Ich denke, wir haben noch zu warten bis der Zug eintrifft: Gefrorene Weichen, Schneeverwehungen, Signalstörungen, Kreuzungssorgen, nun ja, die Eisenbahn ist nicht mit Kufen ausgestattet und der Verkehr auf den Straßen liegt vollständig lahm. Für uns besteht die Hoffnung, dass wir bis morgen früh Berlin erreichen!"
Schneeflocken, kleine, eisige, schweben um die Kandelaber am Rande der Bahnhofshalle zu Boden, vereinen sich mit ihren Geschwistern zu kleinen Erhebungen und Hügeln, die dem Nordwind zu trotzen suchen. Doch sie werden stets erneut aufgewirbelt und sind dieser ständigen Unruhe ausgeliefert. Der Mann schaut über seine vereisten Brillengläser, versucht den Blickkontakt mit der Frau zu halten und sagt, wohl aus Scheu und nicht der Kälte wegen, mehr zu sich selbst als zu dieser Frau: "Darf ich sie in der Bahnhofgaststätte zu einem Glas heißem Tee einladen? Das würde uns beiden gut tun und uns aufwärmen". Nach einer kurzen Pause ergänzt er mit einem Funken von Lachen in seiner Stimme: "…, oder uns dreien!"

Die Wangen der Frau werden durch diese Einladung in leichtes Rosarot getaucht, zu lange ist es her, seit sie eingeladen worden ist. Doch die Bahnhofshalle ist schon zu dunkel, als dass der eingemummte Mann diese leichte Scham hätte erkennen können, denn zwischenzeitlich hat die winterlich frühe Nachmittagsdämmerung ihre grauen Riesenflügel über die Bahnsteige gelegt.
Die Vorstellung eines warmen Getränkes und der Wunsch sich zu setzen sind so verlockend, dass sie die durch ihre Erziehung geprägte innere Stimme, die sie sonst vor fremden Männern warnt, nicht hört und sie zustimmend nickt. Gemeinsam begeben sie sich über die glitschigen Treppen in die Unterführung und von dort in die überfüllte, dampfende und lärmende Bahnhofsgaststätte. Er schreitet, während sie mehr trippelt, denn durch ihre hohe Schwangerschaft hat sie Mühe, ihr körperliches Gleichgewicht auszubalancieren. In der Bahnhofshalle nimmt der Mann zuerst seine angelaufene Brille ab und sieht sich mit seinen kurzsichtigen Augen nach einem freien Holztisch um, den er mitten im Raum auch findet. Dieser ist zwar nur mit einem Stuhl bestückt, doch er ist sich sicher, einen zweiten freien Stuhl leicht aufzutreiben. Er bittet die Frau, schon einmal Platz zu nehmen und hilft ihr aus ihrem schwarzen, vor Kälte beinahe steifen Mantel, der wohl in hochherrschaftlicher Umgebung auch schon bessere Zeiten erlebt haben mochte, bevor er abgegeben worden war. Auf dem Tisch glänzen kleine unverbundene Pfützen von verschüttetem Bier, Krümel von Salzgebäck sind auf dem Tisch verstreut und als sich der Mann auf die Suche nach einem freien Stuhl vom Tische entfernt, erblickt die Frau auf dem Boden den Schatten einer vorbei huschenden grauen Maus, die wohl hoffte, dank der Krümel eine Festorgie feiern zu können. Der Mann sieht nun den runden Leib der Frau und bemerkt: "Oh wunderbar! Wann ist es so weit?"
"Das dauert noch seine Zeit, achter Monat", entgegnet sie, "aber ein Fußballer wird das Kind, lässt mich seit Stunden nicht in Ruhe!"

"Zweimal Tee bitte sehr, einen schwarzen und einen Pfefferminz für die Dame", bestellt der Mann jetzt bei der drallen Serviererin, die in der Regel Bier serviert. Die Frau zieht ihre Handschuhe aus, führt die Hände zum Mund und bläst kräftig in sie hinein. "Ich habe gefroren", sagt sie scheu, "echt gefroren - und das Kind da drinnen auch. Wollen sie mal fühlen wie es tritt?" Der Mann legt unbeholfen seine Hand auf den schwarzen Stoff des Rocks und nickt. Sie meint, dass er das neue Leben in der kurzen Zeit der Berührung nicht gefühlt haben kann und denkt: "Ach die Männer sind alle gleich!" Dabei erinnert sie sich an den Vater des Kindes in Berlin, zu dem sie eilen will, um ihn an Weihnachten davon zu überzeugen, seine Familienpflichten zu erfüllen. Denn im Moment steht sie ohne Geld da und darunter würde das Kind zu leiden haben. Das aber will sie mit allen Mitteln zu verhindern suchen.
Des Mannes Augen sind auf das Glas Tee gerichtet, das zwischenzeitlich serviert wurde und dampfend lautlose Summgeräusche von sich gibt. Er blickt durch das Glas hindurch, legt seine bereits wieder aufgewärmte Hand auf die der Frau, die verloren Krümel wischt, und flüstert mehr, als dass er spricht: "Ich bin auch Vater, Grossvater, aber dann - oh Gott, ich mag nicht daran denken!", und ein tiefes Seufzen entflieht seiner Kehle, gefolgt von einer Träne, die jetzt aus dem linken Auge kullert und in seinem schwieligen Gesicht einer Falte folgt, um sich schließlich im Lippenwinkel zu verlieren.

Die Frau nippt an dem heißen Tee, wärmt die Hände am Glas, atmet den Duft von Pfefferminze und wähnt sich in Sicherheit. Doch das Kind in ihrem Schoß gewährt ihr keine Ruhe, sie muss sich erheben und wie sie sagt: "rumspazieren". "Mein Geschenk für des Vaters Kind ist das Kind", murmelt sie vor sich hin, während sie an den Tischreihen auf und ab spaziert. Besorgten Blickes folgt der noch am Holztisch sitzende Mann ihrem Gang, die Gäste an den Tischen sind meist angetrunken und zoten über sie. Doch die Frau hört das nicht und fühlt auch nicht die Hände, die nach ihr greifen. Ihre Sinne sind dem Kind zugewandt. "Sei ruhig, Kleines, wir haben eine lange Fahrt vor uns!", spricht sie. Nach einer Weile, beim dritten Gang entlang der Tische, bedeutet sie dem Kinde sanft: "Beruhige dich doch!", und sie beginnt, ein Wiegenlied zu summen, äußerlich nur leise vernehmbar und doch erklingt es in ihrem Inneren laut. Plötzlich durchfährt sie ein starker Schmerz, der sie zwingt, sich zusammenzukrümmen, den Oberkörper fast zu ihren eigenen Füßen zu legen nun. Verhalten stöhnt sie, was dem Wirt missfällt und diesen auf den Plan ruft. "Verschwinden Sie, ich will hier keine Umstände, auch wenn sie in welchen sind. Raus hier, aber rasch!", und mit den Armen und Händen rudert er die Luft in Richtung Bahnsteigausgang, als hoffe er, ein Luftzug werde das Problem zum Lokal hinaus pusten. Der Mann ist aufgestanden, geht auf den Wirt zu und ermahnt ihn: "Also bitte, Sie können doch das arme Ding nicht aus der Wärme in die Kälte weisen, haben Sie doch ein Herz!" Derweil lärmt die Stimme aus dem Lautsprecher durch das Lokal: „Der Expresszug nach Berlin hat unbestimmte Verspätung, wir bitten die Reisenden um Geduld."
"Raus!“, ruft der Wirt, „ich habe bei Gott genügend Probleme in dieser Winternacht. Seien sie froh, dass ich ihnen, trotz ihres Aussehens, überhaupt einen Tee serviert habe! Und jetzt raus!“, droht er jetzt noch unwirscher, "oder soll ich als Hausherr hier die Bahnpolizei verständigen?"

Der Mann versucht, die Frau zu trösten, nimmt sie, obwohl diese von Krämpfen geschüttelt wird, an der Hand, stützt sie und trippelt mit ihr dem Ausgang zum Bahnsteig zu. Der Wirt verfolgt die beiden mit giftigen Blicken und ruft hinterher: "Zechpreller, zahlen sie, oder ...“ Der Mann zieht einen Schein aus der Tasche, legt ihn auf den letzten Tisch vor dem Ausgang und drückt die Türe auf. Dabei erfasst der eisige Luftzug die beiden. Die Frau beugt sich immer noch nach vorne und im fahlen Bahnhofslicht hält sie sich an einer vereisten Säule fest.
"Wir müssen eine Bleibe für Sie suchen!", sorgt sich der Mann und bei diesen Worten verwandelt sich der ausströmende warme Atem in der kalten Luft zu sichtbaren Nebelschwaden. "Sie können heute Nacht in diesem Zustand nicht nach Berlin!", erklärt er.
Die Frau schreit auf, im Schmerz, aber auch in der Wut: "Ich muss, ich will zu ihm. Niemand kann mich daran hindern, auch Sie nicht!", und sie schaut den Mann zornig an und versucht, am Bahnsteig entlang zu gehen, krümmt sich aber nach kurzer Zeit erneut. Jetzt hält sie sich an einem Gepäckwagen fest, dessen Holz blank gescheuert ist und den an der Lenkstange Eiszapfen verzieren.

"Seien sie vernünftig", sagt der Mann jetzt verzweifelt, "ich bringe Sie ins Krankenhaus, dort wird man für sie sorgen. Der Vater des Kindes kann ja noch heute zu ihnen fahren, auch aus Berlin kommt ein Nachtzug hierher."
"Nein", schreit die Frau jetzt energisch, "lassen Sie mich in Frieden. Ich fahre, sobald der Zug eintrifft!", und erneut windet sie sich im Schmerz und taumelt dem Treppenabgang der Unterführung zu, kommt aber nur wenige Schritte weit, bevor der Schmerz sie erneut ergreift. Sie hat sich die Handschuhe noch nicht wieder angezogen und hält sich mit bloßen Händen an einer Türe fest, die nachgibt und sie fällt in einen Raum, in dem sich Postsäcke stapeln, es ist die Post nach Berlin, die, wie die Frau, auf den Nachtzug wartet.
Der Mann ist wie von Sinnen, sieht sich in der dunklen Bahnhofshalle um und entdeckt drei Türen weiter ein Licht. Er befindet sich beinahe schon auf dem nächsten Bahnsteig und nicht mehr auf dem ersten, auf dem der Nachtzug nach Berlin einfahren soll. Er spurtet zu dem Licht, zieht an der Glocke an der Türe, hört Geräusche und sieht durch die vorhanggeschützte Scheibentüre, wie der Schatten einer in Tuch eingemummten Frau die Türe mit einem Schlüsselbund, den sie an der Hüfte trägt, umständlich öffnet.
"Was gibt’s so spät abends?", spricht sie mit spitzer Stimme. "Was stören Sie mich in meiner Nachtruhe? Was haben Sie für einen Grund dazu?"
Der Mann in seinem Zustand höchster nervlicher Erregung zeigt nach hinten zur Postraumtüre und stammelt: "Eine Frau, hochschwanger, ich denke sie kommt nieder und nicht in gutem Zustand …" Und nach kurzer Atempause fleht er: "Bitte helfen sie der Frau, ich kann es nicht!"
"Eine Geburt hier in der kalten Nacht zwei Tage vor Weihnachten, nein, Sie wollen mich zum Narren halten, sind einer dieser Scherzbolde, die dem Alkohol verfallen sind. Nein, auf Sie falle ich nicht rein!", und sie schickt sich an, die Türe zu schließen.

Der Mann setzt einen Fuß in die Tür und bittet und bettelt: „Nein, es ist wahr, kommen Sie bitte mit!" Da durchdringt ein Schrei die fahle Lichtesstimmung des Bahnsteigs, die Frau zieht das Tuch eng um ihre Schulter und hastet mit dem Mann zum Postraum. Dort angekommen, erkennen sie den Postbeamten, der auf die auf Postsäcken liegende Frau einredet, sie aufzuzerren sucht und laut, beinahe brüllend, exklamiert: „Haben Sie nicht gelesen: ‚KEIN ZUTRITT’ steht an der Türe, ‚FÜR UNBEFUGTE VERBOTEN’, des Postgeheimnisses wegen!", verlängert er gewichtig den gellend ausgesprochenen Satz.
"Sie Unmensch, sehen Sie denn nicht, was hier vor sich geht", weist ihn die Frau der Bahnhofsmission mit dem eng umgeschlagenen Tuch spitz zurecht. In dieser kalten Nacht, Mann, kommt neues Leben auf die Erde, nehmen Sie Vernunft an und helfen Sie mir, die Gebärende in meine Bahnhofsmission zu bringen." Und zum Begleiter gewandt sagt sie: „Packen Sie mit an!“
Zu dritt geleiten sie die Frau, die sich wegen der immer stärker einsetzenden Wehen immer häufiger zusammenkrümmt, zu den Räumen der Bahnhofsmission, in der sie dann auf ein Sofa gebettet wird.

"Los, heißes Wasser machen“, herrscht sie den Postbeamten an, „und rufen sie den Notarztdienst, hinten an meinem Schreibtisch steht der Fernsprecher. Dann brauche ich Laken …" Geschäftig eilt sie hin und her, trocknet die Stirn der Gebärenden ab und ermuntert sie zum Pressen.
Stunden später ist das Weihnachtskind geboren, ein gesunder Knabe mit schwarzem struppigem Haar. „Zwei Tage zu früh“, bemerkt die Frau, die geholfen hat, das Kind zur Welt zu bringen.
Der Mann steigt drei Stunden später in den schließlich eingetroffenen Nachtzug nach Berlin mit dem Auftrag, dem Vater von der Geburt zu berichten. Die Adresse vom Vater hat die Gebärende ihm mit den Worten in die Hand gedrückt: „Ich folge in drei Tagen nach.“
Der Postbeamte hat seine Säcke im Zug verstaut, geht an diesem Abend beruhigt nach Hause und erzählt seiner Gattin von der Geburt.
Die Wirt schimpft über das „fremde Pack“, das sich immer unanständiger gebärde. Es sei „keine Art“ mehr in dieser Stadt.
Drei Tage später, am zweiten Weihnachtsfeiertag, es ist wärmer jetzt, verabschieden sich die beiden Frauen am Bahnsteig. Die eine hält ein Bündel in den Armen, das sie ganz eng an sich schmiegt, die andere ermahnt mit glückstrahlenden Augen die Mutter, diesen Bahnhof nicht zu vergessen. Sie müsse dem Jungen einst seinen Geburtsort zeigen und auf Besuch kommen, zwei Tage vor Weihnachten, und sie lacht bei diesen Worten schallend auf. "Nicht vergessen!", ruft sie dem fahrenden Zug noch nach, winkt mit einem weißen Taschentuch und tupft sich damit die Tränen dann.

"Warum erzähl ich ihnen all das", sagt die alte Dame, der ich in der Bahnhofsmission gegenüber sitze. "Ist wohl das Datum", sie hüstelt leicht, "ist wieder zwei Tage vor Weihnachten. Das war vor so vielen Jahren, ich weiß nicht mehr wie viele seither verflossen sind, mein Gedächtnis ist nicht mehr das Beste! Nie wieder hörte ich etwas von den beiden. Sie hat den Geburtsort ihrem Sohn wohl nicht gezeigt."
Ich, der vorgegeben hat, den "Geschichten, die der Bahnhof schrieb", nachzugehen, erhebe mich, umarme die alte Dame, küsse sie sanft und flüstere ihr zu: "Ich bin gekommen, um ihnen zu

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