kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.

Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören.

Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :

Der Herzchillfaktor

Was da alles heutzutage gemessen wird! Erstaunlich! Von der Pulsfrequenz bis zum Schritte zählen das dann in Tageswochen und Jahres Kilometerzahlen oder wenn erwünscht in Meilen umgerechnet wird. Kalorien werden berechnet. Blutdruck errechnet. Rasendes Herzstolpern nachgewiesen. Tautropfen pro Morgenerguss festgehalten. Windstärke, Wellenhöhe, Flut und Ebbe angezeigt, sogar diejenige im Geldbeutel, sofern nicht vollständig ausgetrocknet. Temperaturen in Celsius oder Fahrenheit samt Umrechnungsformeln und der Einfluss des Winds auf Letztere in sogenannten Wind-Chillfaktoren festgelegt. Aktienkurse, Indizes, Teuerungsprozente je Tagesminuten angegeben. Eine Fülle der Technik! Bewundernswert. Den ganzen lieben langen Tag könnte ich mit all den Angaben verbringen. Selbst meine Laune kann ich mir anzeigen lassen, die je mehr mich mit diesen Nennungen beschäftigte in sogenannten internationalen Humeures gemessen zum Besten als Entschuldigung für mitmenschliches Verhalten ausgedruckt und direkt auf gewünschte und unerwünschte Smartphones gesendet werden. Und täglich kommt Neues, Zusätzliches per App-Express, dazu hat man sich einmal abonniert.
Und heute nun blinkte und piepste mein iPad besonders heftig, was ein Zeichen, so war mir beim ersten Einloggen erläutert worden, für eine epochale Masseinheit von ausserordentlicher Bedeutung, die keinesfalls verpasst werden dürfe, bedeute.

In bunten Farben wurde der HERZCHILLFAKTOR die neueste Applikation vorgestellt. Diese dürfe nicht übersprungen werden. Sie sei während der nächsten drei Stunden kostenlos. Daneben lief eine Rückwärtsuhr. Schön regelmässig. Die Sekunden und Minuten schmolzen wie Schnee an der Sonne oder Eis in kochendem Wasser. Meine von den Eltern antrainierte Vorsicht und Skepsis dachte an Malware, an Viren, die sich in meinen Rechnern breitmachen, diesen mit allen mir so lieb gewordenen Daten zerstören wollten. Ein Kampf spielte sich in meinem Hirn ab. Die Gelegenheit der neuen App wahrnehmen? Ablehnen? Doch die in meinem Unterleib wütende Neugier verlangte mit einer mir bislang unbekannten Heftigkeit die Gelegenheit wahrzunehmen. Zuzugreifen. Endlich zu wissen, was es mit dem HERZCHILLFAKTOR auf sich habe. Dabei zu sein, wenn neue versprochene Dimensionen auch mir eröffnet werden sollten. So wurde meine Skepsis in die Sepsis-Hirnkammer abgedrängt und ich bewegte mit zitterndem eiskaltem Zeigefinger den Cursor auf W E I T E R, was eine weitere Farbsymphonie auslöste und den Text hervorrief, ob ich bereit sei, alle Cookies bedingungslos anzunehmen.
Worauf nach einem weiteren Blick auf den Bildschirm ein gewaltiges Hirngewitter entstand, das bis in den Unterleib in mein Neugier-Zentrum ausstrahlte und das Wort BEDINGUNGSLOS tausendfach mit kaum zu zählenden Fragezeichen zierte.

Mein Zeigefinger kreiste, als sei er ein jagender Adler oder besser bezeichnet Geier um den Rückwärtspfeil in der Kopfzeile, wurde aber wie durch ein Magnetfeld daran gehindert, diesen zu berühren. Viel mehr verlagerte er sich auf das Wort ANNEHMEN, das einen süssen Gummibärchensauergeruch verströmte, sodass mein Finger, dem zwischenzeitlich ein echter Mund mit zwei dicken Lippen sowie eine Zunge gewachsen waren, nicht anders konnte als zuzustimmen. Die Skepsis in der Sepsis-Hirnkammer liess dies einen markerschütternden Schrei entlocken, der durch eine gezielte Abwehrrakete meiner Neugierde zum augenblicklichen Schweigen gezwungen wurde.
Nun wurde ich aufgefordert, in meinem Postfach die App zu aktivieren. ‚Letzte Möglichkeit, Dich aus dem Staub zu machen’, rief die Skepsis mit heller, erschöpfter Stimme meinem Finger zu, dem nichts Besseres einfiel als dieser in ihrem Gefängnis Schmorenden die neu gewachsene Zunge auszustrecken, sie als Feigling zu titulieren und zudem hämisch zu lachen, dabei die Lippen bis weit über den Fingernagel zu stülpen. Die ihr zwischenzeitlich gewachsenen Milchzähne dabei Lautfingerhals zu fletschen!
Mein frei laufendes glückliches Neugier-Zentrum nun wollte wissen, was es mit dem HERZCHILLFAKTOR auf sich habe.
Von Stunde an und noch heute nach zwei gefühlten Jahren, dem Zeigefinger sind dabei graue und weisse Nasenhaare gewachsen, wird mir bei jedem Tweet bei jedem Facebookeintrag bei jeder Social-Media-Aktivität bei jeder Mail angezeigt, auch wenn diese noch so herzlichst verfasst sind, wie kalt und herzlos die neue Welt der Social Media oft daherkommt. Mein Zeigefinger sehnt sich nach sozialer Wärme, huldigt seitdem der Sepsis-Kammer in meinem Hirn. Kann diese jedoch nicht öffnen, findet den dazugehörigen Code nicht, da dieser absichtlich nie gespeichert wurde...




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"Der Herzchillfaktor" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:







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