Interview mit dem BÄRNERBÄR
François Loeb stellte in Bern sein neues Buch vor:
"Die Strassenbahn, die ins Kino wollte"
Anlässlich der Buchvorstellung war François Loeb im Gespräch mit der Berner Zeitung "Der Bund".
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Publiziert am 21.03.2026 von Alexander Sury
Die Hauptperson wird vermisst an der Buchvernissage, die passend zum Thema in einem Multiplex-Kino in der Berner City West stattfindet. François Loeb hat sich leicht verspätet, wobei zu präzisieren ist: die Deutsche Bahn hat diese Verzögerung ausgelöst. Einige Minuten später erscheint der 85-Jährige, immer noch eine markante Erscheinung mit dunklem Borsalino-Hut, roter Hose, ebenso roter Krawatte und Jacket. “Wer mit der Deutschen Bahn unterwegs ist, erlebt regelmässig “Thrillermomente” und “schräge Geschichten”, sagt Loeb, der seit über 20 Jahren im Schwarzwald lebt.
Das neue Buch von François Loeb heisst “Die Strassenbahn, die ins Kino wollte. In diesen filmreifen Geschichten lockt etwa ein Flötenspieler Jugendliche in die Leinwand, oder ein Zuschauer sammelt Abspänne wie andere Souvenirs. In diesen Geschichten herrscht “Kinomania”.An dieser Krankheit, besser gesagt Abhängigkeit, leidet auch einer der Protagonisten. Seine Mutter hatte ihn hochschwanger während einer Vorstellung im Kinosaal geboren - und verpasste so die Auflösung des Krimis. Das offene Ende treibt den Sohn ein Leben lang um, bis er auf der Suche nach dem Filmtitel mithilfe eines KI-Agenten in die Vergangenheit und damit in die Anfänge seines Lebens katapultiert wird - mit gravierenden Folgen. Über die Anfänge seiner Kinoleidenschaft berichtet der Autor in der Geschichte “Mein Oscar”. Der vierjährige Enkel kann seinen in Lyon lebenden Grossvater 1944 nach der Befreiung der Stadt von der deutschen Okkupation endlich besuchen. Enkel und Grossvater schlendern über den Markt, als der Knirps stolpert und stürzt: “ Blutendes Knie, Loch in der Hose, die Tränen fliessen. Ich weine, ja, schreie.” Der ratlose Grossvater verspricht einen Kinobesuch, wenn er sofort still sei.” Der Enkel aus Bern verstummt umgehend - und später sehen sie sich das “Dschungelbuch” an. Die Liebe zum Kino ist beim Vierjährigen geweckt.
Das Kino bezeichnet François Loeb an einer anderen Stelle seines Buchs als “Glückstankstelle” Die Bernerinnen und Berner hat er einst grosszügig an diesen Zapfsäulen tanken lassen. Das kam so: Zum 100-Jahr-Jubiläum des Warenhauses hatte Francois Loeb 1981 eine Idee. Kurzerhand mietete der damals 41-jährige Patron, der 1975 nach dem plötzlichen Tod seines Vaters die Leitung übernommen hatte, sämtliche Kinos im Kanton für einen Tag - und jedermann konnte kostenlos Filme schauen. Der Ansturm war enorm, die Warteschlangen ergossen sich teils bis auf die Strassen. “Das war ein Abenteuer, mein sechsjähriger Sohn hat sich damals überall durchgeschlängelt und möglicherweise diverse nicht ganz altersgerechte Filme gesehen”, erinnert sich Loeb. Und dann meldete sich die Stadtpolizei per Telefon beim Loeb-Patron: Vor dem Kino City sei ein riesiger Menschenauflauf, ob er nicht Angestellte als Ordnungsdienst zur Verfügung stellen könne. Weitere Anrufe folgten, schliesslich musste sogar die Berufsfeuerwehr aufgeboten werden. “Die Aktion war ein voller Erfolg”, sagt Loeb, “und sie demonstrierte, was für eine Anziehungskraft vom Kino ausgeht.”
Einige Tage nach der Buchvernissage in Bern treffen uns zum Zoom-Gespräch:. Francois Loeb ist wieder in seinem Haus in der Nähe vom Freiburg im Breisgau, wo er seit 20 Jahren lebt, zusammen mit seiner zweiten Ehefrau, einer Konzertpianistin. Er kommt gerade von seiner wöchentlichen Wanderung, er trifft jeweils seine Wanderfreunde an einer Tramendstation, dann gehts hinauf in die Wälder und Wiesen, “es war herrlich, alles blüht” Der Weg sei dabei das Ziel, anschliessend wird jeweils in einer Beiz getafelt. Für Francois Loeb gab es Badisches Ochsenfleisch mit Preiselbeeren und Meerrettichsauce, “es ist eines meiner Lieblingsgerichte”.
Francois Loeb ist seit seiner Pensionierung als Schriftsteller überaus produktiv. Er schrieb unter anderem Bahnhofs-, Fussball-, Tram- und jetzt Kinogeschichten. Seit seinem Studium war Loebs Passion das Schreiben, das ihm nach seinem Rücktritt aus dem Berufsleben 2002 zur zweiten Berufung wurde. Zum Schreiben seiner Kurzgeschichten hört er stets klassische Musik. Die grossen Komponisten und Interpreten führen ihn “in die vierte Dimension, die ich nur auf diese Weise erreichen kann”.
In der “ Strassenbahn, die ins Kino wollte” verschmelzen Realität und Fantasie zu witzigen, zuweilen auch anrührenden Miniaturen.Absurde, traumartige, ja mitunter auch märchenhafte Zuspitzungen zeichnen die Texte von Francois Loeb aus, die meist zielsicher einer Schlusspointe zustreben. Bereits in den Jahren als Loeb-Patron schrieb er in schwarzen Heften so genannte Fast read-Romane, kurze, spontan entstandenen Texte, die er in der Wochenendausgabe der “Neuen Zürcher Zeitung” veröffentlichen konnte - allerdings damals noch unter dem Pseudonym Bruno A. Nauser. Niemand wusste, dass sich dahinter der Loeb-Chef und damalige FDP-Nationalrat verbarg, das Honorar wurde jeweils einem Kinderheim überwiesen
Friedrich Dürrenmatt war es, der Francois Loeb einst darin bestärkte, seinem Schreibimpuls nachzugehen. Bei einem Glas Bordeaux in Loebs Haus am Murtensee brummte der 1990 verstorbene Dichter: «Was use muess, muess use. Brings zu Papier.» Seit über 20 Jahren tut diese der ehemalige “Warehüsler”, wie er sich auch schon selbstironisch bezeichnet hat. Wöchentlich veröffentlichte er eine Kurzgeschichte, seine “Ware” wird von rund 1000 Abonnenten gelesen. Interessiert er sich immer noch für die Warenhäuser, oder hat er damit abgeschlossen, als er die Verantwortung für das Unternehmen an die nächste Generation abgab? Loeb schmunzelt: Er sei zwar heute ein Schriftsteller, aber diesen prägenden Teil seines Lebens könne er nicht einfach auslöschen. Das führe dazu dazu, dass er kaum mehr ein Warenhaus besuche. “Sonst würde ich mir ständig Fragen stellen wie: ‘Warum müssen die Menschen hier an der Kasse so lange waren , warum ist das nicht gut organisiert? Und schon fange ich wieder an zu ‘warenhäuseln’.” Wenn er mit seiner Frau auf Reisen ist, besucht sie allerdings gerne Warenhäuser. Und was macht Francois Lob in der Zeit? “Ich setze mich in ein Café und beobachte die Leute oder schreibe.”
”Wenn allerdings die eigene Tochter den Vater bittet, die neue Parfümerieabteilung im Loeb anzuschauen - wie vor einigen Jahren geschehen -, dann kommt er dieser Aufforderung nach. Denn: “Man gehorcht ja seiner Tochter”. Ist Francois Loeb auf Besuch in der Schweiz, hat er immer einen kleinen Koffer dabei für Einkäufe, etwa für den geliebten Schabziger-Käse, den es im Schwarzwald nicht zu kaufen gibt, Mit diesem Koffer betrat er sodann Loeb in Bern, um die Parfümerieabteilung in Augenschein zu nehmen. Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter, und jemand sprach ihn streng an. E