kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

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Minimal-Extensiv

Endlich, endlich ist der technologische Durchbruch gelungen, lese ich in meinem Leibblatt, das immer auf einem opulenten Sonntags-Frühstückstisch neben dem perfekt weichgekochten Ei liegt, das seiner Vernichtung gelassen entgegensieht. Erstaunlich, denn auch Eier, selbst weichgekochte, haben ein Innenleben. Ein reiches. Eines voller Hoffnung. Hoffnung auf eine lange, glückliche Existenz als Körnchen pickendes Lebewesen, das nun an einem heiligen Sonntag dem Nirwana-Eintritt mutig, jedoch zugleich stoisch aufrechtstehend und geschützt durch die filigrane Schale, entgegenmarschiert. Mit Getöse beim erwartungsvollen Zertrümmern seiner Schutzschicht, die es bis auf das Eiweiss erschüttern wird. „Technologischer Durchbruch“; wie oft wurde dieser bereits angekündigt und dann …: Nichts Neues unter dem hellen, wolkenverhangenem von der Sonne beschienenem Himmel. Eben wie stets. Oder noch präziser, technologisch ausgedrückt: Immer, was in sich versteckt auch beinhaltet: Immerhin.  Also selbstverständlich. Knacke mit einem gekonnten, messerscharfen Henkersschwertschwung das Ei, aus dem mir eine perfekt gestylte digitale Zeitung mit langen blonden Haaren entgegen lächelt, mich einen ungläubigen Thomas schilt, mir vorwirft, ein Technologiefeind erster, nicht zweiter Güte zu sein. Ich solle doch den ganzen Artikel lesen, nicht nur überfliegen, um dabei zu der festen Überzeugung zu gelangen, die neue Welt zu verstehen. Nichts hätte ich kapiert. Ein Nichtsnutz sei ich. Einer der nicht erkennen wolle, wo und wie die neuen Nutzen liegen. Mich dagegen stemmen würde. Da kocht in mir reine Wut hoch. Stärkere als das vor mir liegende Ei vor wenigen Minuten erlebt hat. Mit einem grossen Bissen bei riesig aufgesperrtem Mund den Corpus Delicti verschluckend (ich wusste nicht, dass ich den Mund so weit öffnen kann), sodass meine filigrane Speise- und Luftröhre sich transparent in der blätterlosen Baumwelt festklammern können. Sich an den kahlen Ästen einklinken. Für bunten Besatz sorgen. Eigelb strahlend, nicht Eiweiss, das soll noch folgen.

Nun, mit einem Eierklotz im Magen wage ich es, mich der Minimal-Extensität zu nähern, diese, so hoffe ich, sei keine Monstrosität, die mir alles einverleibt: Ganz sacht, denn wer weiss, was dieses Monster beinhaltet. Ob ich den Klotz verdauen kann oder er mich verklumpen wird. Doch weshalb diese Angst? Wer kann Verdacht gegen geschriebene und weiss auf schwarz gedruckte Worte entwickeln?, ruft mir mein Verstand lauthals zu. Und bei Verstand muss ich nach der erfolgten Ei-Einverleibung sein, frische Kraft geschöpft haben, die mich bestimmt nicht zur Erschöpfung führen wird. Weder körperlich noch seelisch. Es ist wie so oft: Falscher Alarm. Alarmismus, der mein Leben unterlaufen will.

So beginne ich, nicht ohne zuvor noch einen tiefen Schluck in die verwaisten Weisheiten des letzten Jahrhunderts aus der in meiner Bibliothek wohlverwahrten Pulle getrunken, nein, als sei ich ein Kleinstkind, gesaugt zu haben. Was sollen all diese Bedenken, wenn doch zurzeit, in der jetzt ablaufenden Zeit minimal-invasiv auf der Tagesordnung in der Chirurgie steht. Oder kommt jetzt der Schlaghammer des maximal-exvasiven Jahrhunderts auf leisen Katzenpfoten in überschallknalligem Tempo säuselnd, ohne grossen Protz angedonnert, um die Menschheit zu überraschen? Ist die Welt, in der wir, auch ich, leben, immensiv und gleichzeitig exvasiv? Zerbricht an ihrer eigenen Zwie- oder gar der Siebzehnfältigkeit? Unverständlich für meine Spezies? Einzig für Mikroorganismen klar auf deren Minihändchen liegend? Soll ich mich um des Verstehens willen wandeln? Mich mini-invasiv zersetzen? Das Universum, nein, die so viel- und nicht einfältigen Universen in mir selbst entdecken? Mich auf eine innere Reise machen, bis hin zur Versetzung der eigenen Ich-Förmigkeit? Ich muss es wagen, um Verständnis zu erlangen. Den so immens komplexen, extensiven Strukturen auf die Schliche zu kommen! Denn sollte es gelingen, eine Auflösung der Strukturen, eine Zerbröselung dessen, was mich mit dem übervollen Magen und Geist ausmacht, werde ich in anderer Form erwachen, in einer Gestalt, die versteht, was vor sich geht. Was geschieht ...

Einfachheit ist die Mutter allen Verständnisses. So ineinander verschachtelt kann das Ganze kaum sein. Ich fasse alle meine Gedanken zum Verständnis der Komplexität in einen Strang, wie einst die Vorfahren die Wolle bereiteten und erkenne: Minimalextensiv des Verstandes bedeutet schlicht und einfach, das Nichtverstehen der Zusammenhänge zu erkennen …



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

E I E R T A N Z

Es tanzt ein Ei
Aus Freud
Ein Ei zu
Sein.

Eine gelbe
Dotter-Träne
Weint als erkennt
Dass nicht verstehen
Kann was geschieht mit ihm.

Dann spricht es weiss
Auf Weiss: so zu 
Enden geziemt
Sich eiernd
Nicht.



Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.


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"Minimal-Extensiv" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:







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