kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :

Die Schnabulierer

Werbung …, ach, was habe ich sie satt. Immer mehr wird versprochen. Beinahe wie in einem Wahlkampf, und stets wird weniger gehalten. Einen Halt bietet die Anpreisung jedenfalls keinen. Oder doch? Verspricht ihn jedoch und ich falle trotz mieser Erfahrungen immer wieder darauf herein. Oder gar hinein. Mitten in ein sumpfiges Gelände, aus dem ich persönlich, ohne mächtig Obolusse abzugeben kaum mehr herausfinde. In der privaten Insolvenz zu ertrinken drohe. Ein ekelhaftes ökonomisches Ableben. Der Lebenssauerstoff wird entzogen und Seelenkrankheit ist die Folge. Doch auch hier werben die Insolvenzberater ihre Dienstleistungen an. Einen weiteren direkten Weg zum Versumpfen. Nicht im Alkohol. Beileibe nicht. Nein, in der Hyperinsolvenz. Der Steigerung der Verschuldung. Der Einschuldung. Nicht zu vergleichen mit der Einschulung. Dort begleitet die Wundertüte. In der Einschuldung sind keine Süssigkeiten versteckt. Vielmehr Bitterstoffe, die, obwohl von Gesundheitsberatern wärmsten empfohlen, in diesem Falle üble Reize für den Rest des Lebens in sich verbergen.

Nun, wer kennt die Lebensweisheit ´DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT` nicht. An diese klammere ich mich seit Tagen, ja Wochen. Hoffe auf eine wundersame Wendung. Und tatsächlich ergaunere ich mir in meiner Not ein Exemplar der kostenlosen Zeitung, die an der Strassenecke auf den Austräger wartet. Noch hübsch in Plastik im Bündel verpackt. Ich schaue mich bereits vor der Tat schuldbewusst um, reisse dann mit meinen vom permanent erlebten Unbill geschärften Fingernägeln geschickt den Packen auf, um mit schlechtem Gewissen ein Exemplar der Zeitung zu entnehmen. Doch das ungewollte Ungeschick geschieht Stante Pede: sämtliche Werbebeilagen fliegen zu Boden. Ein Windstoss verteilt sie über die ganze Strasse, droht meine Missetat an die Öffentlichkeit zu zerren. Doch immerhin bleibt eine Werbebotschaft, in knalligem Rot gedruckt, an meinem linken Schienbein haften. Sogleich greife ich mit schlechtem Gewissen danach, zerknülle das dickliche Papier mit beiden Händen, stecke das Konvolut in die linke Tasche meiner abgewetzten Windjacke. Niemand kann wissen, ob das nicht doch die Schicksalsbotschaft ist, auf die meine Hoffnung so sehnsüchtig wartet.

In meiner schäbigen, noch nicht gepfändeten Unterkunft (diese ist im Privatinsolvenzverfahren dem Lebensnotwendigen zugeteilt worden), nehme ich die giftrote Knüllerei zur Hand, setze mich auf den Stubenhocker, der in seiner Härte am besten zu meiner jetzigen Lebenssituation passt. Der Titel des Flugblattes, das den Abflug in alle Winde nicht geschafft hat, also einen Seelenverwandten meines Schicksals darstellt, steht in fetten Lettern geschrieben: ´TRITT AUCH DU NOCH HEUTE DEN SCHNABULIERERN BEI, RUF HEUTE NOCH AN, BEVOR ALLE LIMITIERTEN PLÄTZE AUSGEBUCHT SIND!‘

Nun, wenn die Destiny (ich will auch im Denken meine Sprachkenntnisse schulen), zuschlägt, muss ich die Gelegenheit wahrnehmen. Eile die 2,5 km Strecke beinahe im Eilstechschritt, der einzigen dem Techzeitalter sich entgegensetzenden Telefonsprechzelle entgegen, verfluche dabei das Handyzeitalter, das mich zur Atemlosigkeit treibt. Das Häuschen ist besetzt. Zwei Liebende küssen sich ellenlang wetter- und windgeschützt, reagieren auch nicht auf mein heftiges An-die-Scheibe-klopfen. Ich trete von einem auf das andere Bein, als ob ich vom Drang beseelt wäre, ein Urinoir zu finden, da ich mit vergehender Zeit befürchte, keinen freien Platz bei den Schnabulierern zu ergattern. Greife in meiner Ungeduld nach meiner Nase, aus der, durch den Dauerlauf gereizt, die austretende innere Flüssigkeit tropft. Doch von der Nase keine Spur. An ihrer Stelle ein scharfer Schnabel, der sich beim Erforschen durch eigene Tastarbeit als Papageienschnabel entpuppt. Die Werbung der roten Zeitungsseite ist, so nehme ich an, mit Künstlicher Intelligenz bestückt, sodass ich als Interessent erkannt und entsprechend bestückt wurde, um meine Hoffnung zu erfüllen.

Da erkenne ich auf der anderen Strassenseite meinen Insolvenzberater. Ich eile zu ihm hin und wiederhole papageienhaft alle Worte, die er an mich richtet. Er nickt erfreut und sagt mir eine glänzende, sorgenfreie Zukunft voraus.

Am Abend setze ich mich vor mein uraltes Fernsehgerät, auch dieses als Lebensnotwendigkeit der Pfändung entgangen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Talkrunde lachen mir mit bunten farbigen Papageienschnäbeln entgegen.

Ah, denke ich, auch sie wollen ihre Ziele erreichen, wahrlich bei ihnen stirbt die Hoffnung ebenso zuletzt, sind also wie ich den Schnabulierern beigetreten ...



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

S C H N A B E L

Dem hohenTurm zu
Babel wächst ein hoher
Gespitzter  schnatternd Schnabel.

Tick und Tock statt
Singend Rock
Pflock um 
Pflock.

Versandend 
In wahrer Zu-Kunft
Alsdann hart gelandet.



Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.


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"Die Schnabulierer" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:







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