kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.

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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :

Tanzig

„Tanzig? Wovon sprichst du?“, stelle ich meinem Freund, er hat mich angerufen, ist emeritierter Veterinärprofessor der hiesigen Universität und hat bereits Kompendien über das Verhalten von niederschwelligen Knorpeltieren verfasst, ist ein gefragter Experte bei Versicherungsfragen rund um Insekten, insbesondere deren Wurmbefall. Wie kommt er auf Tanzig frage ich mich. Hat er bei seiner Äusserung Danzig gemeint? Will er an der dortigen Akademie eine neue Abteilung zur Erforschung der Wurmkultur errichten. Möchte er dann, seine Ambitionen waren bereits immer sehr hoch angesiedelt, die Wurmsprache samt aller ihrer Dialekte entschlüsseln? Es knackt jetzt in der Leitung. Wir sind unterbrochen. Schade, ich hätte gerne Weiteres vernommen. Was er in Danzig vorhat. Aber weshalb betonte er das Wort so anders als es Usus ist? Hat er den Dialekt seiner neuen Freundin, er ist, das ist mir bekannt, ein Schürzenjäger, wechselt beständig seine Bekanntschaften, wohnt jeweils kurz mit der einen zusammen um dann zur anderen zu ziehen, hat er deren Aussprache übernommen spricht daher Danzig als Tanzig aus?
Huch, das Handy erklingt abermalig. Ich sehe, dass es erneut mein Freund ist. Ist wohl in ein Funkloch gefallen, hat hoffentlich dort neue Wurmarten entdeckt, bemerkt mein Schalk, der hinter meinem rechte Augenzwinkermuskel seinen Wohnort innehat. Ich vernehme seine Stimme jetzt ziemlich entfernt, als befände er sich in der Erdumlaufbahn, oder in der Wüste Gobi, weit weg von jeder Zivilisation. Gibt es Würmer in dieser Einöde? Kann diese Spezies dort in der Trockenheit überleben, vom Morgentau leben? Würmer finden sich doch nur in wässriger Umgebung pudelwohl, oder dortzulande im Inneren des Magens ein- oder zweihöckriger Wüstenschiffe.
„Ich bin an einer grossen Sache“, beginnt er sein Gespräch, „einer riesigen Angelegenheit, du wirst aus dem Staunen nicht mehr herausfinden wenn ich …“ Knack die Leitung erneut unterbrochen. Er muss wirklich weit weg sein. Bestimmt nicht in Danzig, obwohl das sein Ziel sein muss nach dieser unterbrochenen Anspielung. Bin gespannt was er zu berichten hat.
Versuche seine Nummer anzurufen. Über alle Kanäle. Immer das Besetztzeichen oder die Unerreichbarkeitsmeldung. Verflixt. Er lässt mich in der Spannung schmoren. Das mag ich gar nicht. So Abgehacktes. Stimmt es, dass geteilte Regenwürmer weiterleben können? Mein Assoziationszentrum im linken Hirnlappen meldet sich mit dieser Frage, um meine bestimmt unbegründeten, ungerechten Vorwürfe zu übertönen. Ein Forscher kann innert Sekunden im Wissensmeer versinken. Ertrinken. Dabei neues, weltbewegendes entdecken. Kann nicht jeden Anruf entgegennehmen.
Ich muss samt Spannung schlafen gehen. Versinke auch gleich in einen seltsamen Traum, so absonderlich, dass ich als das Handy das auf meinem Kopfkissen seine wohlverdiente Ruhe zu finden sucht aus seinem Schlaf gerissen wird und mich dabei mit einbezieht.
„Also“, tönt aufgeregt die Stimme meines Freundes, noch weiter entfernt und schwächer als zuvor, „ich habe eine Entdeckung gemacht, eine furchterregende! Bei den Würmern ist eine neue Pandemie ausgebrochen! Hochansteckend. Alle werden tanzig. Tanzen um die Wette. Schau aus deinem Fenster, möglicherweise ist die wurmige Seuche bereits bei dir eingetroffen!“ Ich öffne das Fenster. Nehme den tragbaren Scheinwerfer der zur Diebes-Abwehr stets griffbereit neben meinem Bett steht. Leuchte meinen kleinen Garten aus. Erschrecke ob dem Anblick! Millionen von Würmern aller Grössen tanzen wild sich gegenseitig an den niedrigschwelligen Knorpeln haltend. Die einen eine Quadrille, die anderen Walzer, Rock, Tango, Bossa-Nova und weiss nicht was für wilde oder elegant-elitäre Tänze. Sind, so nehme ich an, alle tanzig angesteckt, sehe ihre Gesichter heiter leuchten!
Und da, ich kann es kaum glauben, bemerke ich ein Zucken in meinen hochschwelligen Gliedern. Beginne zu tanzen, meine Mundwinkel ziehen nach oben, ich fühle totales Glück! Tanzig eben …




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