Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören oder hier kostenlos und werbefrei erhalten >>
Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Tusch ...
Tusch … flüstert mir meine Freundin und Pultnachbarin, nein, nicht in der Schulbank, sondern weit später in meinem Leben, meinem Bankarbeitsplatz, ins Ohr. Streng verboten sind private Unterhaltungen durch unseren Arbeitgeber, das haben wir alle mit unserem Arbeitsvertrag schriftlich durch tintige Unterschrift bestätigt. So wende ich meinen Kopf von ihr ab, versuche, als ihre Lippen mir trotz dieser Abwendung folgen, grössere Distanz zwischen uns zu erreichen. Zuwendung mit ihren braunen Augensternen einfordernd, straft sie mein sklavenhaftes Befolgen unseres obersten Chefs willkürlichen Willens, was mich zur Überlegung führt, eine einzige winzige, wohl kaum beachtenswerte Ausnahme zu wagen, um damit ihre freundschaftliche Zuwendung erneut geniessen zu dürfen. Also flüstere ich, mein Haupt ihr dabei zuwendend, zurück, weshalb sie einen Tusch verachte, das sei doch einzig eine fröhliche Notenfolge, die Aufmerksamkeit einfordere und nicht mehr. Sofort plagt mich mein schlechtes Gewissen, das Gebot — ist es das Elfte? — gebrochen zu haben. Denke an Gesichtserkennungssoftware und all die neuen technischen IT-Mätzchen, die neuerdings unser Leben bereichern, als seien es fliegende, schwarzgefiederte Unglücksvögel, oder anders ausgedrückt, es verarmen. Wende also meine Konzentration samt schwerwiegendem Haupt erneut meiner Arbeit zu, von meiner Nachbarin ab.
Doch die Buchstaben T, U, S, C, H ... mitsamt den drei abgehakten Punkten tanzen jetzt, obwohl dies nicht meinem Willen entspricht, auf meinem Bildschirm einen Ringelreihen, als seien sie eben dem Kinderhort entsprungen. Was soll das?, frage ich mich selbst, mit der Letternfolge auf meinen Lippen den Mund für die Punktewiederholung gespitzt, als seien diese durch einen simplen farbigen, aus meiner Unterstufen-Schulzeit stammenden Bleistiftspitzer gefallen. Die Tanzenden lassen mich nicht los. Wollen keinesfalls weder meinen Bildschirm noch meine Lippen verlassen, halten mich in Tuschgefangenschaft, der ich nicht zu entkommen vermag. Was nur unternehmen, um nicht aufzufallen? Bin überzeugt, dass die Überwachung gleich eingreifen, mir mein Entlassungsschreiben durch die altertümliche Rohrpost zukommen lassen wird. Was dann? Als alleinige Finanzmittelgenerierende in unserem Haushalt bin ich auf das Einkommen absolut angewiesen. Ohne dieses wird Hungerleiden als leidlich-leibliche Leidenschaft unter unser brüchiges Dach in der Sozialwohnung einziehen. In was für einen Schlamassel hat meine Bank-Nachbarin mich nur entführt? Da blitzen die silbrig blitzenden Augen aller Schlamm-Asseln mir bereits ohne jedes Mitgefühl aus ihren Augenwinkeln entge ..!
Das Geräusch der neben mir einfallenden Rohrpost bringt mich aus der Fassung, lässt mich den begonnenen Gedanken nicht zu Ende denken. Drehe mich abrupt um, greife in die Empfangsstation. Greife nach der Kapsel, in der ich einen Fetzen blauschimmernden Papiers entdecke. Werde das Behältnis nicht öffnen, sondern es so, wie es ankam, dem Absender retournieren. Doch was wird dann geschehen? Werden dann die Häscher kommen, mich extrahieren, mich einfach an den Armen packen? Rauswerfen? Mich zwingen, die klimatisierte Wohlfühlzone zu verlassen, eingehüllt in den blauen Brief, den ich so sehr fürchte? Egal, ich wage es, stehe meine Frau!
Da zucke ich zusammen. Springe von meinem blaugepolsterten Direktionsdrehstuhl auf. Der Ventilator fächelt mir einen kühlenden Luftzug zu. Muss trotz so zahlreicher Pendenzen in der Mittagshitze eingeschlafen sein. Bestelle über mein Interphone beim Assistenten einen kleinen heissen Schwarzen, um auch als Frau wieder auf Vordermann zu kommen.
Da fällt mein Blick auf meinen weisspolierten Schreibtisch, auf dem sich genüsslich ein blaugefärbter Brief im Ventilatorenwindchen der Stufe 2 räkelt, den mir der Assistent samt kleinem Tässchen mit der Bemerkung überreicht: „Der bläulich schimmernde Brief auf Ihrem Pult ist soeben mit der Rohrpost als unzustellbar Ihnen, eingeschrieben retourniert worden.Würden Sie bitte hier unterschreiben, aber deutlich, da der Rohrpostdirektor, unser oberster Boss, residierend in den Tiefen der Gullys, sich sonst lauthals tuschelnd mehr als rächen könnte ...
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
K U S C H
Mit übelautem
heraustrumpeteten
Scheiben laut zu klirern
Bringenden harmesvollen
Unsymphonischen murrigem Tusch
Klingt weltumspanend das Wort KUSCH.
Und es ist weder
Lusch noch
XL Pfusch
TotalTtutti
Überlegt
Soll ich
Kusch.
Ohh jehh
Und Jemineh
Wer hätte das je
Sich ausgedacht und
Trotz Allem gar wird es
möglichereise wirklich wahr.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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