kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Ei

Es lag einfach vor der Wohnungstüre. Das Ei. Das Riesenei. Als ich durch den Spion in den Hausgang blickte, es hatte gerade lauthals geklingelt lag es einfach da. Kein Mensch weit und breit und Ostern noch einige Tagesreisen entfernt. Ich dachte zuerst an eine Sinnestäuschung. Denn an diesem Tag kämpfte ich gegen eine heftige Migräne an. Eine die von Augenflimmern begleitet war. Wie angenehm das sich manifestiert können mir bestimmt alle Migräne Schwestern und Brüder bestätigen. Man fürchtet um sein Augenlicht. Sieht vieles verschwommen. Schwimmend gar. Das kann die Lösung der Eierei sein, sagte meine Hirnbirne als sie den Augapfel prüfte. Tastete mich die Augen zugekniffen in meine kleine Wohnküche zurück, braute mir einen kleinen Schwarzen mit meiner simplen, mir so ans Herz gewachsenen italienischen Uraltespressomaschine, die gleich zu blubbern begann. Koffein als Migräne Abwehrkanone ist altbewährt. Und tatsächlich das Flimmern ließ innert fünf Minuten nach undder Kaffeegeschmack auf der Zunge versöhnte mich mit dem so unmöglich begonnen Tag. Na ja, jetzt ist alles gut, tickte der rechte Hirnlappen dem linken zu ohne sich zuvor auswringen zu lassen.

Doch durch ein heftiges Klingeln an der Haustüre wurde ich erneut aus dem wohligen Zustand gerissen. Begab mich unvermittelt zur Türe. Zum Spion. Doch jetzt lag das Riesenei nicht mehr, es stand aufrecht! Spitz nach oben. Rutschte auf dem Türvorleger hin und her, als ob es seine Stallspuren entfernen wolle, um die Wohnung nicht zu verunreinigen, mir zusätzliche Arbeit aufzuhalsen. Was hätten Sie an meiner Stelle unternommen? Ich, eine einsame ältere, verarmte Dame adeligen Geschlechts wusste einfach nicht weiter. Die Polizei einschalten? Mich dann auslachen lassen? Blamieren! Nein, das konnte nicht der Weg sein. So beschloss ich Ei Ei sein zu lassen, hoffte, dass sich das Problem von selbst, ohne jedes Risiko einzugehen, lösen würde. Nahm meine Stricksachen zur Hand. Das beruhigt ungemein. Einen Schal, grell gelb, für den jungen Postboten, der immer so rücksichtsvoll zu mir ist, mir meine Apanage pünktlich zum Monatsende aushändigt, war am Entstehen. So verging der Vormittag. Nach einem frugalen Mahl, das ich am winzigen Küchentisch, den kleinen Finger abgespreizt wie es sich gehört, Noblesse oblige, entschied ich mich zu einem weiteren Eiblick, der zu meinem Verdruss nichts Neues erbrachte. Legte mich für meine Siesta zu Bett und wurde von einem furchtbaren Albtraum gefoltert. In ihm wuchs das Ei fortwährend, wie ein Luftballon, der mit Pressluft überluftet wird, platzte dann ... und aus ihm schritt eine Armee übergroße Küken, jedes so großwie ein ausgewachsener Esel, die einen fürchterlichen Jaaahhh Lärm verursachten, der mich aus dem Schlaf riss.

Ich eilte gleich zum Spion, das Ei stand noch da, aber in Habachtstellung, schien tatsächlich gewachsen, berührte bereits die Decke und, ich musste mir mit der linken Hand in die rechte Backe kneifen um festzustellen ob ich immer noch träumte, schwang einen Spazierstock, in der Art wie mein Lieblingsschauspieler Charly Chapiln es immer getan hat. Also, etwas war nicht in Ordnung. Mit mir. Oder der Welt in der ich lebte. Oder war ich in eine andere Dimension übergetreten? Lag mein Körper leblos auf dem Sofa auf dem ich meinen heiligen Mittagsschlaf stets hielt. Wer kann schon wissen was alles geschieht. Ich jedenfalls nicht. Nahm dann allen Mut in meine beiden Hände und Füße, nahm die Zehenspitzen und die Kniescheiben zu Hilfe,wollte die Türe öffnen, doch diese war verschlossen. Klar, hatte ja den Schlüssel aus Eierangst abgezogen. Lief in die Küche. Holte ihn. Schloss auf. Öffnete die Türe, sah wie die Schale zu brechen begann. Wie zu Eis erstarrt stand ich da. Fürchtete dass jetzt die Esel mich anspringen würden.

„Frohe Ostern!“ Ohh Himmel, es war die Stimme des jungen Postboten. „Habe ich sie erschreckt? Tut mir leid! Entschuldigen sie mich, aber so ist es nun Mal, die Werbung für Ostereier, die wir stets früher zu verteilen haben, nutzt immer neue Technologien…“




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