Kurzgeschichte der Woche

An der Leine

Ich bin konsequent. Jeden Morgen um sieben Uhr in der Früh gehe ich im benachbarten Park mit meinen Stöcken ‚Nordicwalken‘. Bei jedem Wetter. Ob die Sonne bereits sommerlich brennt. Ob Schneeflocken ihr Ballett aufführen, oder bunte Blätter sich gezielt ihr eigenes Grab zum Vermodern aussuchen. Am liebsten im Frühjahr! Was liebe ich das erste zarte Grün das mich an die eigene Jugend erinnert. Wie gerne wäre ich erneut ein Grünschnabel. Möchte meine Erfahrungen und Lehrjahre noch einmal durchleben. Doch ich habe mich mit den Jahrringen, die so schwer an meinen Knochen nagen, abzufinden. Hat auch seine Vorteile. Man kennt sich aus. Auch um sieben Uhr früh im Park. Begegne dann all den Hundebesitzerinnen und Besitzern, die von ihren Mitlebensgeschöpfen spazieren geführt werden. Köstlich was ich da mit dem linken Auge (das rechte hat sich auf die ernsthafte Ausübung meines Sports zu konzentrieren, um nicht über ein Hindernis zu stolpern) alles mitbekomme. Die Usancen. Die kindliche Sprache deren sich die usurpierten ‚Herrchen’ und ‚Frauchen‘ bedienen. Von sanft bis bettelnd. Dann wieder hart, wie ein Eichenknarren, um sodann in ein Kreischen zu verfallen, das von heiseren Bellern quittiert wird. Ja, ich könnte eine Enzyklopädie über Morgengänge im Park verfassen.

Doch seit einiger Zeit achte ich weniger auf mein Stammpublikum, das sich so selten verändert, sondern auf eine neue Erscheinung. Zuerst traute ich meinem linken Auge nicht. Dachte bereits ich würde an Wahnvorstellungen erkranken. Oder sei diesen bereits verfallen. Demenz in einer individuellen Form, wie diese mir als überzeugter Individualist bestimmt zusteht. Doch dem war nicht so. Ist nicht so. Keine Halluzination. Eines Morgens in bitterer Kälte, bei minus 15° Celsius und einem eisigen Nordwind, der uns tapferen freiwilligen oder erzwungenen Konsequenzlern entgegen wehte, gegen den auch die dickste Jacke und dreifache Winterunterwäsche nicht half, sah ich ihn zum ersten Mal. Den in den besten Jahren, so schien mir, stehende eingemummelte Mann, der einen Vogel an seiner Leine führte. Dessen Gefieder war rabenschwarz. Doch es handelte sich, das erkannte ich an den folgenden wärmeren Tagen, nicht um einen Raben. Nein, es war ein schwarzer Spatz. Ein rabenschwarzer. Die Leine war mit einem Brustgurt am Tier befestigt. Der Mann führte die Leine so geschickt, dass diese nie einschnitt. Und der Vogel, er rief ihn stets mit dem Namen Casimir, trippelte am Boden entlang, dann flatterte er auf einen Ast. Verrichtete seine Geschäfte fein säuberlich dort, nachdem er sich gemütlich eingerichtet hatte und das ‚Vogelherrchen‘ Geduld bewies, brav auf das Ende der aerophilen Sitzung wartete, um alsdann den geflatterten Gang durch den Park fortzusetzen.

Um mit dem Haustier zu kommunizieren benutzte der Besitzer des Vogels nicht seine Stimme. Vielmehr zückte er eine kleine Flöte. Führte diese zu seinen wulstigen Lippen und es erklang eine Melodie voller Liebe und manchmal auch hasserfüllt. Worauf der Vogel jeweils in analogen Tönen antwortete. Am Ende des Rundgangs, ich beobachte die disruptiven Gestalten nun seit einigen Jahren, landet der Liebling des Herrn mit einigen kräftigen Flügelschlägen auf dem Haupt des Besitzers, verschwindet dann in dessen linken Ohr. Ein einmaliges Schauspiel das ich täglich mit Neid beobachte und doch genieße. Ach, könnten doch alle Menschen, von Staatsleitern bis zu mir, ihren persönlichen Vogel jeden Morgen spazieren führen. Mit frisch gelüfteten menschlichen Vögeln lebten wir bestimmt in einer besseren Welt!




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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 28. September 2018 schrieb ein anonymer Leser:

"Was für eine reichliche Sprache, witzig und verfremdet mit Neologismen. Die Geschichte ist poetisch, bis auf die überraschend absurde Pointe. Der schwarze Spatz im Herrenkopf, was für eine magische Wendung, die die Redewundung vom "Vogel" illustriert. "




"An der Leine" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:


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