Kurzgeschichte der Woche

Aus dem Rahmen

„Komplett aus dem Rahmen!!“, mit ausgesprochenem Doppel Ausrufezeichen, gab meine Kommilitonin, die Medizingeschichte studierte und die ich bereits seit langem zu erobern suchte, von sich. Leider war ich nicht der Einzige der dieses Kunststück vollführen wollte. Sie war stets umschwärmt, ihr WhatsApp Konto musste unter Hochwasser leiden, dachte ich mir, ohne Beweise dafür zu besitzen. So spitzte ich, am Mensa Nebentisch sitzend, meine Ohren, als wäre ich ein Pferd, das auf die Befehle seines Meisters, oder besser noch seiner Meisterin hört. Möglicherweise könnte ich einen Vorteil erfahren, ergattern, der mich gegenüber meiner Konkurrenz zum Sieg in Würde verhelfen würde. Musste ja ein besonderes Vorkommnis gewesen sein, wenn ihr Jetziger, oder wie ich inbrünstig hoffte, ihr Ex aus dem Rahmen gefallen sei. Was hatte der nur verbrochen um in Ungnade zu fallen? Wilde Szenarien huschten durch mein Hirn. Sahen vor meinem inneren Auge mehr als real aus. Uneimütiger Sex? Ich sah den Kerl die Eingangstüre mitten in der dunklen Nacht malträtieren, meine Angebetete, als diese nach einer halben Ewigkeit öffnete, am Kragen packen, ungemach ins Schlafgemach schleppen, die Türe zuschlagen und verriegeln, sodass ich nicht Zeuge des Geschehens werden konnte.

Oder, ein Besänftigungs-Filter legte sich um meine überbordende Fantasie, da die für mich Unerreichbare mir einen tiefen Blick aus ihren haselnussbraunen Pupillen zuwarf, hatte er sich über ihr Studium lustig gemacht. Den Hirnbohrer ohne Betäubung, um den Hirndruck abzuführen, vor ihr ausgewallt. Zahnextraktionen, mit vorherigem Branntweinschluck und was noch dem medizinischen Mittelaltergruselkabinett alles zu entlehnen war, bemüht. Möglicherweise auch der Geliebten die Türe am Wagen aufgehalten, und sie, eine engagierte Feministin, ich hoffte auf eine moderatere Form, die auf absolut Gleichberechtigung pochte, dadurch so verärgert, dass sie ihm den Laufpass verpasst. Es gab ja Tausend Arten aus dem Rahmen zu fallen. Einen Volltreffer zu landen entsprach beim Rätselraten der Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns mit sechs Zahlen inklusive Zusatzzahl. So befahl ich meiner Einbildungskraft Bettruhe, diagnostizierte ihr einen lieblichen Fieberschub und neigte meinen Kopf, in der Hoffnung mehr Informationen zu erhaschen, dem Nachbartisch zu, dabei zudem erhoffend einen erneuten, diesmal noch tieferen Blick, von ihr zu ernten.

Auf dem Tablett das vor ihr lag, häuften sich Tomaten, Karotten, Salatblätter, Radieschen, nicht einmal ein kleines Stückchen Käse konnte ich ausmachen. Musste mich also, wollte ich den ersehnten Coup eines Tages landen, an vegane Kost heranmachen, mich darin üben. Und ich lauschte weiter:
„Aus dem Rahmen gefallen, ich schwör es Euch“, kam beinahe trällernd aus ihrem Mund. „Das gerahmte Schaubild mit der Raucherlunge, fiel in der Vorlesung direkt auf des Professors Kopf, hat wohl eine Delle hinterlassen!“
Dabei greift sie zu ihrer einfachen, wohl selbstgestrickten Handtasche, entnimmt ihr Zigarette und Feuerzeug, entschuldigt sich: „Ich geh jetzt Rauchen“. Erhebt sich und fällt aus meinem Sicht- und Beuterahmen. Denn ich habe mir unter unheimlichen Leidensdruck vor einem Jahr das Rauchen abgewöhnt …




Dreisatzroman der Woche

R O S E

Eine Rose, war unzufrieden mit ihrem Lose, wollte lieber leben in einer Dose.

Doch der Dose Los war nicht die Rose, nein es war die Tasche meiner Hose.

Ach dachte da die Rose, ich lieber die Nase des Schreiberlings liebkose...!




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"Aus dem Rahmen" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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  • 29.
    NOV 18
  • LESUNG
    Reformierte Kirche Utzenstorf

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