Kurzgeschichte der Woche

Das Kreuzworträtsel

Tiefster Winter. Kurz vor Weihnachten. Hektisch die Stimmung in der Stadt. Lichter überall. Hastende Menschen. Marronidüfte da, gebrannte Mandeln dort. Kinder die sich die Nase an Schaufenstern platt drücken. An ihren Frontscheiben kratzende Autofahrer. Ein Schneepflug brummt durch die Strassen. Verteilt Salz. Gehweg-Fahrzeuge wischen die Trottoirs sauber, damit auch niemand stürzen möge. Jeder seinem Weihnachtsbaum heil entgegentreten kann. Im Städtischen Park brennt nur die Sparbeleuchtung. Weshalb auch mehr, wenn die Wege und Sonnenbänke tief verschneit sind. Die Tanne am Eingang unter der Schneelast ächzt, voller Angst auf ihre hängenden Äste schaut. Sich nicht von ihnen trennen will, obwohl es für sie Erleichterung bringen könnte. Und mitten in dieser eisigen Schneelandschaft in der die Eiskönigin regiert sitzt einsam ein alter Herr auf einer der Parkbänke. Einen dicken Schal um den Hals. Leuchtend rot. Dicke Handschuhe. Eine blau angelaufene Nase sticht keck in die Winterluft. Sein Haupt ist von einer dicken, zotteligen Fell Mütze gekrönt..

Um ihn herum hat sich allerlei Getier versammelt. Eichhörnchen die sich den Winterschlaf aus den Augen reiben, Vögel deren Feder gegen die Kälte aufgeplustert ist. Eine Fledermaus mit hängenden Flügeln hat sich in die braue Fellmütze verkrallt. Der Mann sitzt da, sein Gesicht den Schneeflocken zugewandt, als seien diese Sonnenstrahlen. Ein Lächeln umspielt sein furchiges Gesicht. Seine vollen Lippen bewegen sich. Er spricht. Keine Menschenseele ist im Park. Er spricht also mit sich selbst. Oder mit den eingeschneiten Pflanzen. Spricht er diesen Mut zu den Winter durchzustehen? Verspricht ihnen das Frühjahr das er, seine Augen glänzen dar ob, bereits sieht und auf seiner Haut fühlt. Jetzt erhebt er sich von seiner Parkbank. Klopft den Schnee von seinen Kleidern ab. Schaut zu den erleuchtenden Strassen hin. Den hetzenden Menschen. Zur Hektik jenseits des Parks. Schüttelt sein Haupt. Murmelt in seinen Bart. „Nein, in dieses Jenseits will ich nicht“.

Nimmt seinen Stock. An dessen Ende ein kleines Quadrat eingelassen ist. Stampft Schritt für Schritt durch den tiefen Schnee. Hinterlässt ein Muster im Park das einem Kreuzworträtsel nahe kommt. Bewegt jetzt seine Arme als seien es Flügel. Erhebt sich in die Luft. Greift in seine Taschen. Entlässt daraus kleine Zettel auf denen Rätseltexte stehen. Kreuzworträtselfragen. Fragen über das Leben. Über die Unendlichkeit der Endlichkeit. Das Glück, das im Kleinen liegt. In der Liebe.
Der Unendlichkeit des Universums in das er entschwindet. Zuerst ist er noch als kleines schwarzes Pünktchen zu erblicken. Doch niemand schaut hin. Alle sind stark beschäftigt. Können das Entscheidende nicht erkennen. Und der kleine schwarze Punkt entschwindet im All. Lässt Hektik Hektik sein, die sich, als sei sie der eigene Motor, immer wieder antreibt, die Menschen nicht zur Ruhe kommen lässt. Selbst nicht in dieser dunklen von Menschen künstlich erleuchtenden Zeit.




Dreisatzroman der Woche

B E S U C H

Mit Eselsschwingen, leicht gereizt, trifft einmal außer Atem, dann friedlich nebelnd, ruhend, der Herbst auf meiner wilden Wiese ein.

Doch mitten in dem fahlen Grün, mit gelben reifen Grases-Ähren-Inseln, ich kann es kaum auch glauben, wächst eine Tulpe in blauem Schwarz, öffnet ihre Blüte weit, empfängt die Insektenwelt, gibt Hoffnung auf ein neues Leben.

Die Blätter fallen dann auch dort, entschwebt ist die Tulpe fort, doch weiß ich, dass sie wiederkommt, im Frühjahr dann, mit lauem Wind, dienend meinen hungrig sehend Augen, die den kalten Winter dann entstauben.




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Einige Kommentare zu dieser Kurzgeschichte:

Am 16. Dezember 2017 schrieb ein anonymer Leser:

"Eine besinnlich traurig-fröhliche Geschichte, so schön!"

Am 15. Dezember 2017 schrieb M.L.:

"Was für eine Geschichte. Wundervoll! Sie haben sie so plastisch geschrieben, dass ich sie (Geschichte) sehen kann."




"Das Kreuzworträtsel" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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