Kurzgeschichte der Woche

Die Lemurenechse

„Eine Lemurenechse! Hilfe!“, ertönt der laute Schrei aus dem Toilettenbereich der Städtischen Bibliothek. Ich sitze an einem der zahllosen Lesetische. Vertieft in meine Prüfungsvorbereitung der Kunstgeschichte. Muss betonen, dass ich mit meinen 83 Jahren wohl einer der ältesten eingeschriebenen Studenten an der hiesigen Akademie bin. Vertieft habe ich mich in eine Reproduktion des Bilds ‚der Schrei’ von Edvard Munch. Also habe ich mich bestimmt verhört, als ich diesen aufdringlichen Schrei vernehme. Muss sich in meinem Schädel beim Betrachten des Gemäldes gebildet haben. Der Schrei. Der durchdringende. Durch Mark und Bein. Tatsächlich entstehen ein Eiseskribbeln im spinalen Bereich und ein leichter Muskelkrampf in meinem linken Bein. Nicht im rechten. Muskelkater vom gestrigen 20 Kilometer Marsch, den ich einmal wöchentlich unternehme. Von meinem bescheidenen Heim im Mittelgebirge zur Eisdiele in der Kleinstadt. Meiner Sucht frönend, der ich nicht widerstehen kann. Erdbeere-Limetten-Jogurt Geschmack. So exquisit. Das beste Eis auf der Welt. In meinen Augen. Auch wenn ich in den letzten 15 Jahren nur bis zur Universitätsstadt vorgedrungen bin, an der ich mein Studium absolviere. Seit 15 Jahren. Ich will nicht durchfallen. Keineswegs. Verständlich in meinem Alter. So eine Blamage. Nein! Lieber ein Jahr anhängen. Oder, meldet sich mein Unterbewusstsein: ‚Hast du Angst vor der Leere nach der Prüfung? Wer will dich den beschäftigen?‘ Ich widerspreche. Leider ohne Gerichtsverhandlung. Wie denn ein Unterbewusstsein vor Gericht zitieren. Und Bildersprache mag es schon gar nicht, nehme ich an.

Übrigens benutze ich jeweils die einzige tägliche Busverbindung zu meinem Studienort. Von Montag bis Freitag, die 15 Minuten Fußmarsch von meiner Klause losfährt, und dann in der Nachmittagsmitte den Rückweg antritt. Eigentlich ein Schulbus. Doch habe ich durchgesetzt, dass mein Studentenausweis anerkannt wird. War nicht einfach. Gerichtsbeschluss. Doch ich habe an der Verhandlung, ganz ohne Anwalt, in Bildern gesprochen. Und was gibt es eindrücklicheres als Bilder. Mein Studium hat mir das bewiesen. Eindrücklich dieser Schrei in meinem Schädel. „Eine Lemurenechse! Hilfe!“ Doch wie ist dieses Urtier, ein Nachfolger der Dinosaurier, mit dem Schrei von Munch in Verbindung zu bringen? Spielt mir mein Unterbewusstsein einen Streich? Will sich rächen, da ich es vor Gericht zitieren will. Also, vergessen. Aus dem Schädel löschen. Der Schrei. Die Lemurenechse. Das Unterbewusstsein. Freud. Nein, nicht Leid. Den wahren, leibhaftigen Freud.

Doch da ertönt er erneut. Der Lemurenechsenschrei! In meinem Schädel? In meiner Vorstellung? Wie das Unterbewusstsein austricksen? Oder ist der Schrei real? Nicht eingebildet? Da! Der Feueralarm geht los! Der Lautsprecher knarrt markig. „Evakuation! Alle sofort das Gebäude verlassen! Unmittelbar! Sofort!!“ Die zwei Ausrufezeichen hallen als Echo nach. In meinem Schädel. Was sich doch das Ding in mir, das ich so nicht mag, alles einfallen lässt. Nicht zu glauben. Und jetzt ein Poltern. Der ganze Boden erzittert. Mein Studienpult schwankt. Ein Bild erscheint! Wusste gar nicht , dass so etwas möglich ist. Gaukelei meines inneren Feinds?
Eine Riesen Lemurenechse schreitet auf mich zu. Klappert mit dem übermächtigen Gebiss. Kinderängste die in mir aufsteigen? Drachenäng ...

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"Die Lemurenechse" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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