Kurzgeschichte der Woche

Die Überraschung

Ja, wie war das als Kind! Das Warten auf Weihnachten. Auf die Geschenke. Was für eine herrliche aufregende Zeit. Die Tage wollten nicht vergehen. Die Stunden schlichen um die sich ausdehnenden Minuten je näher der Tag kam. Und heute rast die Zeit nur so dahin. Das ist noch zu Erledigen. Und Jenes zu vollbringen. Backen. Einpacken. Und erst recht das Ausdenken von Freudenbringern. Das Schmücken. Das Festessen bereiten. Einkaufen. Traditionen weiterführen die über Generationen herangewachsen sind. Immer erneut, jedes Jahr, wurde ein kleines Zückerchen beigefügt, sodass der Weihnachtskrug beinahe am Überlaufen ist. Und immer noch nicht alles bedacht. Habe mir geschworen eine Checkliste anzulegen, um ja nichts unters Eis geraten zu lassen. Jedes Jahr geschworen. Doch gute Vorsätze schmelzen an Silvester und Neujahr wie Schnee an der Sonne dahin. Geraten in Vergessenheit. Dabei wäre das so nützlich.

Denn in Gedanken sich Verlieren, Grübeln was noch zu erledigen ist, führt nicht zu strahlend guter Laune. Oft zum Gegenteil. Mürre kommt auf statt Myrrhe. Zum Verzweifeln. Ich kämpfe dagegen an. Doch Jahr für Jahr wächst Unleidlichkeit in mir. Statt Vorfreude Stress. Doch bald ist es soweit. Gehe nochmals alles durch. An alle gedacht? Freunden Karten versandt? Vergessene elektronisch nachholen! Noch nicht zu spät. Obwohl die Zeit wie eine defektes Uhrwerk rasend abläuft. Letzte Geschenklein bei Mondschein basteln. Und dann die Erlösung. Der Tag ist da. De Abend. Festlich gekleidet trifft sich die Familie. Festtafel. Alles geglückt. Bescherung folgt. Aufregung aus Kinderzeiten übernimmt mein Inneres. Werden die Beschenkten sich freuen, das Leuchten in Kinderaugen aufflammen? Und in einer kleinen Ecke meines Bewusstseins schleicht sich der Gedanke ein, was ich von meinen Liebsten erhalten werde.

Und da zeigt die Festtagsrunde mit Zeigefingern auf das größte Paket. Herrlich verpackt. Mit einer bunten Schleife gekrönt. „Für Dich“, rufen alle im Chor. „Auspacken“, fahren sie fort. Ein so schönes Kunstwerk zerstören widerstrebt mir. Doch ich gebe nach. Sorgfältig das Papier entfernen. Kann wiederverwertet werden. In unserer Überflussgesellschaft achte ich darauf. Eine Schachtel kommt zum Vorschein. In dieser eine Weitere und weiter Weitere. Es will nicht enden. Bis ein klitzekleines Behältnis zum Vorschein kommt. Eine Art Schmuckkästchen. Ein Schmuck? Besitze doch bereits genug! Öffne den Verschluss. Ein Zettelchen liegt im Inneren, wie eine Urkunde fein aufgerollt. Was soll das, befällt mich ein Gedanke. Entferne den Bindfaden um das gerollte edle Papier.
Lese: „WIR SCHENKEN DIR ALLE ZEIT!!! GENIESSE SIE!“ Tränen schießen in meine Augen. Versuche diese zu verbergen. Aber weshalb? Zeit zu schenken ist doch das Grösste was zu Schenken ist …“




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"Die Überraschung " als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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