Kurzgeschichte der Woche

Freitag der Dreizehnte

Ich hatte in meinem Amt, in dem ich seit sieben Jahren als Beamter 2. Klasse ohne jede Beförderung wirkte, ein Zwischenzeugnis von meinem Chef verlangt. Denn wie kann ein Mensch der etwas auf sich hält so lange gewissenhaft, ohne jede Beförderung die doch bereits lange fällig war, im Archiv arbeiten. Mit dem Zwischenzeugnisverlangen verfolgte ich einzig das Ziel das Amt darauf aufmerksam zu machen, dass eine Beförderung zum Beamten 1. Klasse jetzt zu vollziehen sei, keinesfalls jedoch mich für eine neue Aufgabe, wer gibt schon freiwillig seinen Beamtenstatus auf, zu bewerben. Ich muss hier präzisieren, dass mein Amt sich mit Diplomatie befasst. Mit Außenbeziehungen. Auslandsbeziehungen. Die Chefs alle diplomatisch geschult. Ich wählte deshalb den indirekten Weg, um auf mein persönliches Problem hinzuweisen. Mit einem offenen Gespräch, da war ich mir sicher, hätte ich die diplomatischen Regeln des Amts aufs gröbste verletzt. Mir weitere sieben beförderungsfreie Jahre eingehandelt. So aber, dachte ich, seien meine Chancen durch Einhaltung des diplomatischen Umsiebeneckengehens intakt. Zuerst hörte ich nichts. Keine Antwort. Nahm an, dass der zuständige Sachbearbeiter, bestimmt ein Beamter oder eine Beamtin 1. Klasse in der wohlverdienten Gesundheitskur weile. Nach drei Wochen und zwei aufeinanderfolgenden schlaflosen Nächten, die nicht auf Vollmondnächte zurückzuführen waren, da der Neumond nur noch eine A Sichel entfernt war, nahm ich den Mut in beide Zeigefinger und schrieb an die Personalabteilung ein Courriel (Französisch ist ja seit jeher die Diplomatensprache), um mich nach meinem ausstehenden Zwischenzeugnis zu erkundigen, das ich, auf das wies ich kursiv hin, jetzt und nicht später dringend benötigen würde.

Meine Hoffnung auf Beförderung hatte sich in der Wartezeit auf das Eintreffen des angeforderten Dokuments beinahe ins Unermessliche gesteigert, wusste ich doch, dass Beförderungen dem obersten, jedoch so termingeschädigten Chef zur Unterschrift zu unterbreiten waren. Und wann sollte er dieses schlenkrige Zeichen (also so gut er in seinem Fach sein mochte, in Kalligraphie war er eine Niete) unter meine Beförderungsurkunde leisten, damit beides, das Zwischenzeugnis und meine Erhebung in den 1. Klassenstand pünktlich und zeitgleich bei mir eintreffen konnten? Jeden Abend, von der Arbeit kommend, gierte ich nach meiner Briefkastenöffnung im Wohnblock. Doch außer Werbeschreiben, Kreditangeboten und was da so alles immer hinein zu schneien wagt, kein amtliches Schreiben. Und auf dem Laptop keine Antwort auf mein Mail. Zum Verzweifeln! Doch ich gebe niemals auf. Das wäre ein ungeeigneter Zug für jemanden der Archivarbeit leistet. Die Suche nach dringend benötigten Dokumenten, die manchmal sich über Tage erstreckt, zwingt zu dieser Einstellung. Und dann, an einem Freitag gegen 15 h, fand ich den amtlichen Umschlag. Wollte diesen in aller Ruhe lesen. Zuerst meine Wochenendeinkäufe tätigen. Legte ihn also zurück in den Schlund meines werbegeschädigten Postkastens. Als ich dann beladen mit Wein und Schinken, Cantuccini und Thunfischdosen zurück nachhause kam, den Brief herausnehmen will, war er nicht mehr da!

Ein Schreck durchfuhr mich. Hatte ich diesen in einen fremden Kasten geworfen? Wie konnte ich die 65 Mitbewohner des Blocks befragen? Eine Suchanzeige an die zentrale Haustüre hängen? Oder lieber, damit diese nicht abgerissen und entsorgt würde, eine solche vervielfältigen und in jeden Briefkasten werfen? Doch wie formulieren? Diplomatisch? „Vermisse einen Amtsbrief“? Oder einen amtlichen Brief. Welche Fassung war besser? Doch konnte ich mich so lange gedulden? Nein, das war nicht möglich. Und so beschloss ich die Briefkästen 65 an der Zahl, einige am Überquellen, die Besitzer waren wohl im Urlaub, zu inspizieren. Rannte in meine Wohnung, nahm eine Spaghetti-Zange, eilte nach unten … und … es war Pech, Herr Richter, hohes Gericht, dass der Nachbar, ein Polizeibeamter, zur gleichen Zeit nach Hause kam, obwohl er immer Freitags Dienst tat, aber nicht an diesem 13. des Monats. Ja und so weiß ich heute noch nicht was mit meiner Beförderung geschieht. Jedenfalls, falls ich verurteilt werde, kann ich dem Archiv der Haftanstalt bestimmt auch als Beamter 1.Klasse besser als einer der 2.Klasse dienlich sein…




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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 14. Juli 2018 schrieb ein anonymer Leser:

"Kafkaesk ist diese Geschichte! Wenigstens hat der Arme Beamte nicht erfahren, ob er entlassen wurde... Sie sind ein Meister der spannenden Geschichten und überraschenden Pointen! "




"Freitag der Dreizehnte" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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