Kurzgeschichte der Woche

Gänsehaut

Unter die Haut geht vieles! Aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Selbst beim daran denken kräuselt sich die Haut um meinen blank rasierten Nacken. Meinem Freund zuliebe blank rasiert! Er küsst so gerne. Meinen Nacken. Jeder Mensch hat seine Absonderlichkeit. Und wer diese nicht anerkennt, annimmt, wird ewig einsam bleiben. Und das ist nicht mein Lebensziel. Zu Lebenslustig bin ich. Nein, nicht lustig. Das Leben kann ja ganz anders sein als lustig, Lebenslust frönend ist die bessere Definition. So akzeptiere ich Rolfs Macke, wenn er mir Abends, nach einem gehauchten Manuela, den Kuss ebenda aufsetzt, was bei mir immer eine Nervenreaktion auslöst. Nicht unangenehm, ich kann das ohne zu lügen bestätigen. Von angenehm aber einen, oder gar zwei Schritte entfernt. Ich kann mir durchaus Besseres vorstellen. Denn nach dieser hauchzarten Annäherung kommt gleich das IPhone bei ihm zu Ehren. Dann die Spielkonsole. Leider. Aber wie gesagt jeder Mensch hat seine Macke. Ich bestimmt auch. Nur kannte ich diese bis vor kurzem nicht. Erst das Erlebnis von dem ich berichten will brachte mich auf die Spur. Zum Ziel des Kennenlernens meiner Schwäche. Die mit Hühnerhaut zu beschreiben wäre.

Halt, falsche Ausdrucksweise! Mit Gänsehaut. Erschreckender Gänsehaut! Hast du auch schon damit Bekanntschaft geschlossen. Ich kann versichern, keine angenehme. Eine frustrierende. Eine beängstigende. Es war vor zwei Wochen. Endlich hatte ich Rolf dazu gebracht an die frische Luft zu kommen. Eine gemeinsame Wanderung zu unternehmen. Eine Herbstwanderung mitten in die bunten Wälder. Die Natur ist der beste mir bekannte Farbenmischer. So einfühlsam. Jede Saite meiner Seele ansprechend. Und das wollte ich Rolf näher bringen. Mit viel List hatte ich erreicht sein Iphone zu entladen, sodass es beim Start nicht mehr betriebsbereit war, was er mit einer Ärgerschnute beantwortete. Denn ohne Zutritt in die Cyberwelt fühle er sich nackt. Splitternackt wie er betonte. Das Wort ‚Splitter‘ sprach er mit so viel Emotion aus, dass ich vermeinte ein Granatsplitter habe seinen kleinen Finger soeben getroffen. Aber mein Ziel war erreicht. Er hatte darauf zu verzichten. Wir wanderten zuerst, dann bummelten wir Hand in Hand durch den herrlichen Forst. Die eine Farbgebung löste bei mir ein glucksendes Lachen aus, eine andere trieb mir Tränen in die Augen. Ich empfing die Farben als Geschenk der Natur. Schade, dass diese Empfindungen nicht durch Worte zu beschreiben waren, so konnte Rolf, der sich tapfer mit Entziehung Beschwerden durch die Waldpfade kämpfte, ich bewunderte ihn heimlich dafür, nicht daran teilhaben. Dann endlich öffnete sich das Buschwerk durch das wir stapften, es ging steil abwärts. Rolfs Gesicht hellte sich auf, denn die Waldgaststätte zog ihn magisch an. Wohl nicht einzig des Durstes oder Hungers wegen, eher die Aussicht auf einen Stromanschluss. Dort ankommend wollte ich Rolf die freudige Mitteilung bekannt geben, dass ich ihn im Dezember an seinem Geburtstag hier zum Gänseessen ausführen würde, die Gaststätte hatte sich dafür einen überregionalen Ruf erworben, der zu einem Riesenandrang in den Wintermonaten führte. Das traditionelle Gänsemahl mit allem Schnick und Schnack dabei, soll einmalig sein. Vor allem da alles aus heimischer Zucht sei.

Die Gänse, wir hörten diese, bei unserer Annäherung mit knurrendem Magen, extrem laut schnattern. Ein gutes Omen dachte ich. Ja, dachte ich. Verschwitzt wollte ich mich in die Gartenwirtschaft setzen, doch Rolf beharrte auf den Gastraum. Ich musste mich nicht besonders anstrengen um den Grund dazu herauszufinden. Tatsächlich suchte und fand er gleich eine Steckdose. Sein Gesicht entspannte sich. Ein seliges Lächeln überzog sein so anziehendes Antlitz das es mir so angetan hat. Wir speisten, wie Gott in Frankreich, mit Vor- und Nachspeise, sowie einem Hauptgang der so köstlich war, dass mein Gaumen Freudenhüpfer vollführte und ich mit meiner Zunge diesen noch und noch verwöhnte, um kein Geschmackstupfer zu verpassen, jeden so lange als möglich andauern lassen wollte. Ein gutes Zeichen für das Gänseessen, dachte ich dabei. Wenn Rolf nur dann sein Handy nicht mitführen würde. Nun, meine Listfähigkeit ist bestimmt groß genug um es ihm dann so zu verstecken, dass es unauffindbar für seinen Ehrentag sein wird. Plötzlich verengten sich die Augen meines Freundes. Er stand auf. Hauchte einen Kuss auf meinen nackten Nacken, eilte zu seinem Gerät, das zufrieden vor sich hin elektrische Energie in sich aufsog, kam damit, es zuvor aussteckend, zurück, drückte auf eine Taste und bemerkte voller Überraschung und verstecktem Stolz in seiner sonoren Stimme: „Jetzt ist es mir gelungen den neuen Algorithmus der die Tiersprache entschlüsselt zu finden! Oh jehh, da ist eine Übersetzung des Geschnatters der Gänse auf dem Gerät. Weißt Du was die riefen als wir vorüberschritten?:
‚MÖRDERIN, MÖRDERIN, MÖRDERIN!“ Ja, da bekam ich echte Gänsehaut und sagte das geplante Geburtstagsessen stante pede ab. Gut, dass ich Rolf die Geburtstagsüberraschung noch nicht verraten hatte …




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"Gänsehaut" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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