Kurzgeschichte der Woche

Ge-wicht

Prozedere gehören zum Leben wie die Luft zum Atmen. Nicht nur Prozedere sondern auch Rituale. Weihnachten zum Beispiel. Oder Ostern. Sylvester. Und Geburtstage. Sie sind wie Anker im Fluss des Seins. Sichere Anker die uns beflügeln. Innehalten lassen in der Hektik des Alltags. Werden oft über Generationen weitergereicht. Lassen in uns Erinnerungen keimen als seien es Krokusse in den schönsten Frühlingsfarben die den Schnee durchstoßen. Ich beginne den Tag, den Alltag, den Feiertag jeden Morgen, auch wenn es Mittag wird mit meinem Ritual das mir Sicherheit gewährt im Wellengang der Jahreszeiten. Selbst wenn es einmal geschieht, dass ich erst spätabends mich aus meinem kuscheligen Bett erhebe, zelebriere ich mein Ritual, wie wohl alle Menschen solche pflegen. Auch nach Festtagen nach bereuten Völlereien. Aufstehen. Auf dem Bettrand sitzen. Strecken wie es die Katzen jeweils unternehmen. Toilettengang. Zahnbürste bereitstellen. Zahnpasta, oh jee, wer hat die Tube nicht richtig nachgestellt, der erste Ärger des neuen Tags, oder eben der anbrechenden Nacht.

Und da! Nein es darf nicht sein, dringt der Wicht in mein junges aus Träumen wieder erlangtes Sein. Lacht mich an. Nein, grinst. Unverschämt. Zeigt mit seinem Schwarz und den goldenen Platinen auf meinen Körper, der zugegebenermaßen nicht mehr der Jüngste ist. Ich schließe die Augen. Bewege die Bürste über fünf Minuten weiter hin und her. Zum Einheischen eines großen Lobs der Zahnhygienikerin. Freue mich auf das morgendliche Duschbad. Verdränge den Wicht durch blumige Gedanken. Erinnerungen an Rituale. Aus der Kindheit. Der Jugend. Der ersten Liebe. Öffne die Augen. Fordernd steht er da der Wicht. Muss mich ihm ergeben. Stehe auf die Waage. Nein, das darf nicht sein. Die Genüsse der letzten Tage machen sich breit. Breitseite auf mein Sein. Dieser Wicht hat mich fest im Griff. Wünsche die Schwerkraft ins Pfefferland. Hole einen Vorschlaghammer. Zertrümmere den unverschämten Wicht der mir den Morgen, auch wenn es Abend ist, zu vergällen weiß. Leicht ums Herz wird mir, bin befreit!

Da klingelt es an der Eingangstür. Ding-Dong! Habe ich ein Verbrechen begangen? Ist es bereits die Polizei? Die nicht zulässt dass ich den Wicht erschlug? Werfe einen Morgenmantel über. Eile zur Tür. Ein Paket. Ein Geschenk unter den welken Weihnachtsbaum? Bestätige den Empfang. Bin neugierig. Kann nicht warten. Absender meine Freundin, die mir vor kurzem den Laufpass gab. Geschenkverpackung. Kleine Karte. Reiße diese ungeduldig auf. “Mein Lieber”, steht in ziselierter Schrift, “dieses verspätete Neujahrsgeschenk, eine beinahe unzerstörbare, stoßsichere, wasserdichte Waage soll Dich motivieren abzunehmen, erreichst Du das Ziel, komme ich möglicherweise zu Dir zurück!”




Aus:
François Loeb’s
Sprichwort
Schüttel
Becher
Weis-heiten des 21. Jahrhunderts

Einem geschenkten Maul
Schaut man nicht in GAU




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Einige Kommentare zu dieser Kurzgeschichte:

Am 7. Januar 2018 schrieb ein anonymer Leser:

"Jedes mal wenn ich eine Wochengeschichte erhalte, freue ich mich darüber...ich hab eine Frage: wie schaffst Du das Woche für Woche so kreativ und innovativ zu schreiben? Deine Texte sind manchmal so herrlich schräg, das gefällt mir."

Am 6. Januar 2018 schrieb ein anderer anonymer Leser:

"Wieder ein sprachliches Juwel, voll von Überraschungen. Sie verstehen es, die Leser an der Nase herumzuführen! Mit dem grinsenden Wicht, dem Ge-Wicht."




"Ge-wicht" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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  • 18.
    NOV 18
  • LESUNG
    Reformierte Kirche Utzenstorf

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