Kurzgeschichte der Woche

Gurgelhopf

Verschlafen stelle ich mein iPhone das ich erst gestern zum Geburtstag erhalten habe an. Es ist zwar ein Gebrauchtes. Mit leicht verkratztem Bildschirm. Doch ein iPhone von dem ich so lange träumte. Meine Freundin arbeitet in einem Coiffure Salon, verbietet mir das Wort Frisör-Salon, der sei veraltet und vollkommen unmodisch. Daneben. Peinlich für sie und ihre Handwerkskunst. Ich beachte das selbstverständlich, denn verärgern oder beleidigen liegt mir bei meiner Freundin fern. Wo nur hat sie dieses Smartphone aufgetrieben? Bei eBay? In den Kleinanzeigen der Lokalzeitung? Oder hat ein Kunde es im Salon liegen lassen. Fundunterschlagung? Nein, das traue ich ihr nicht zu. Sie ist eine grundehrliche Haut. Ja, zarte Haut besitzt sie. Sehr zarte sogar. Und erst ihre Hände! Verstehe, dass das eingenommene Trinkgeld, das sie nach einem Schlüssel mit allen anderen die dort tätig sind teilen muss, ist bestimmt gering. Bei den knausrigen Reichen die sie zu betreuen hat. Und sie steht erst am Beginn ihrer Laufbahn. Wäscht tagein, tagaus Haare und der Anteil an den Trinkgeldeinnahmen ist mit mickrigen 0,85% wirklich gering. Hocharbeiten muss sie sich. Von der Pieke auf. In die höheren Gefilde. Muss Gabriela eine Stange Geld gekostet haben dieses iPhone. Aber als smarte Frau fand sie bestimmt einen Weg smart einzukaufen. Einrichten muss ich es! Komplexe Angelegenheit.

Wie bekomme ich die Daten von Handy A auf Handy B. Bluetooth ist langsam. Und mein alter Karren, so bezeichne ich mein Brondi das sich auch Oyster nennt welches ich in Milano für einen Pappenstiel erworben habe. Natürlich auch gebraucht. Bei einem Straßenhändler. Hehlerware? Seltsam was das Neue, ach, auch Gebrauchte (auch von einem Straßenhändler erworben?) für Töne von sich gibt. Quietscht. Knarrt. Rumpelt. Heult. Eine halbe Heulsuse ist es. Wie nur öffnen. Verlangt Code. Oder Touch ID. Wie bekomme ich das nur hin? Wenn ich zumindest die Töne abstellen könnte! Nervt. Ein Geschenk das mich wütend macht. Auf emotionale Hochtouren bringt. Ekelhaft. Soll doch Freude bereiten. Freundinnenfreude. Verkehrte Welt ist das. Echt. Möchte es am liebsten an die Wand werfen. Damit es endlich das Gequietschte einstellt. Oder in die Straßenbahnschiene legen. Es flach legen. Das täte ihm gut. Beginne mit Codeeingabe. Fantasiezahlen. Habe ja einen vierten, ja gar einen fünften Sinn, wie meine Freundin jeweils bemerkt. Und tatsächlich, hurra, hipp hipp hurra der Bildschirm öffnet sich beim dritten Versuch. Glück gehabt! Sehe dass eine SMS Anzeige sich öffnet. Hat die solche Töne von sich gegeben? Öffne. “Kommst Du mit Dir einen Gurgelhopf zum Nacheifern gemüsen? In Freindschaft Gabi”.

Gurgelhopf? Nacheifern? Freindschaft? Was soll das? Programmfehler? Will sie mich loswerden? Ein Konkurrent? Ein Konkubist? Genug ist genug. Dieses Handy ist mir feindlich gesinnt. Da … ich glaube es kaum, öffnet sich die Routenplanung. Zeigt einen Weg an. Ist das Gabi die sich wieder versöhnen will. Das SMS zurückholen möchte. Folge dem Routenplan der den Fussweg anzeigt. Steiler Anstieg. Komme ausser Atem. Bergdorf nach 3 Stunden Felsenweg. Überraschung von Gabi? Der Weg Plan führt zur Bäckerei! Bestimmt einen herrlichen Gugelhopf für unser Tête à Tête! Öffne die Ladentüre. Riecht herrlich nach Gebäck. Wasser im Mund läuft zusammen. Erkundige mich freundlich nach einem auf meinen Namen reservierten Gugelhopf. Die Dame hinter der Theke sieht mich seltsam an. Bemerkt: Nichts da, aber der Zahnarzt ist einen Stock höher. Bei ihm können sie sich melden. Klingeln bei Dr. Gurgelhopf. Gleich nebenan. Ich verabschiede mich freindschaftlich, das R fällt laut polternd zu Boden und zerbricht in Tausend süße Zuckerstückchen.




Aus:
François Loeb’s
Sprichwort
SchüttelBecher
Weis-heiten des 21. Jahrhunderts

DER WÜRFEL IST EIN
LEBENSSPIEL




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Einige Kommentare zu dieser Kurzgeschichte:

Am 20. Januar 2018 schrieb ein anonymer Leser:

"Wieder eine spannende Geschichte, mit völlig rätselhafter philologischer Pointe. Gurgelhopf? Ein Zahnarzt und Gabi bei ihm? Ein dreistündiger Weg, wie in einem Märchen, wo die Zahl 3 oft figuriert. Alles bleibt geheimnisvoll, auch das quitschende, verkratzte Telefon. "

Am 19. Januar 2018 schrieb C.S.:

"Eine Geschichte aus dem Leben geschrieben,so geht's mir manchmal auch!"




"Gurgelhopf" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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