Kurzgeschichte der Woche

Influencia

Viel lerne ich immer im Wartezimmer meines Hausarztes, der zwar mein Hausarzt ist, jedoch nicht zu mir nach Hause kommt, sondern ich zu ihm nicht ins Wohn- jedoch ins Wartezimmer pilgere. Da sitzen kunterbunt vereint Jung und Alt, Männlein und Weiblein, Bleiche und Rotköpfige. Lesen in abgewetzten Zeitschriften. Schauen über den Blattrand die vereinten Leidenden an. Husten. Räuspern. Bewegte Glieder. Bewegte Lippen, schmal und breit, versuchen ein Gespräch zu knüpfen. Dem einen oder anderen gelingt es tatsächlich. Da fliegen dann Worte über unsägliches Leiden hin und her. Über Heilmethoden. Herkömmliche. Alternative. Akupunktur und akustisch punktuelle Hilfsmittel. Über Drainage, Blutegel und Großmutters Kräuterrezepte. Wickel. Handaufleger. Heiler und Weiler. Mit offenen Ohren und Geist sitze ich jeweils da. So auch heute.

Neben mir eine attraktive junge Frau. Nun, ich wünsche mir 10 Jahre jünger zu sein, denn mit meinen beinahe vierzig Jahren werde ich kaum bei ihr landen können. Doch einen Versuch ist es durchaus wert. So setze ich mein gewinnendes Charmelächeln auf und blicke in ihre haselnussbraunen Augen, die neue Welten versprechen. Und tatsächlich, sie spricht mich an. „Darf ich Sie etwas fragen? Sie sehen so erfahren aus“. Mein Hahnenkamm, würde ich einen solchen besitzen, würde bei diesen Worten vor Stolz gleich anschwellen. Erfahren sein! Ja! Das ist ein Lob für die ersten grauen Haare, die so munter an den Schläfen sprießen.

„Ja, selbstverständlich“, erwidere ich, nicht ohne meiner Stimme einen Tropfen, oder gar eine Ampulle jugendliche Modulation zu verabreichen.
„Ich will eine Influenca Spritze vom Doc bekommen. Schmerzt das? Wirkt das?“
„No Problemo! Schmerzt nicht. Wirkt! Sie werden bestimmt diesen Winter nicht erkranken.“
Das Antlitz meiner Gesprächspartnerin verwandelt sich in ein Fragezeichen.
„Hallo! Ich will nicht erkranken, will zum Influencer werden, aber da haben Sie kaum Erfahrung. Sind zu alt dazu“ ...




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"Influencia" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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  • 18.
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