Kurzgeschichte der Woche

Korben

Sitze am Morgen, es ist gegen 7 Uhr in meinem Stammcafé. Eilige Menschen. Vor dem Arbeitsbeginn noch einen kleinen Schwarzen. Gepaart mit einem kleinen Schwatz. Oft auch der schwarz. Denn das Dunkel der Nacht hat sich erst verzogen. Trauern die Gäste ihren Träumen nach. Fürchten sie sich vor dem kommenden Arbeitstag? Den Auseinandersetzungen. Den Machtkämpfen die sich mit spitzen Fingern auf schwarzen Laptops abspielen werden? Da ein Gelächter das sich vom dritten Tischchen links wie ein Exote leichtfüßig erhebt, gleich zum weit offenen Fenster in den jungen Tag entschwindet. Zwei junge Frauen betreten den Raum. Erfüllen mit ihrer Frische sogleich das Café. So zahlreiche Blicke als Augen im Raum folgen ihnen sogleich. Männer saugen förmlich die Gestalten in sich auf. Wiegenden Schrittes erreichen die zwei mein Tischchen „Noch frei?“
Setzen sich, immer noch blickumschwirrt, ohne mein Nicken abzuwarten. Scheinen auch in Eile zu sein. Zahnarzthelferinnen? Sozialassistentinnen? Ich bemühe mich weiter in meiner morgendlichen Zeitungslektüre fortzufahren. Gelingt nicht. Immer wieder entgleiten mir meine Pupillen über den Zeitungsrand. Die üblichen Magnete Politik, Sport, Unfälle und Verbrechen, verblassen angesichts der Ausstrahlung der beiden Sitznachbarinnen.

„Also koren lass ich mich nicht. Nicht von dem!“, bemerkt, mit einem anschließenden Strichmund, die Hennablonde, ihr rosa Halstuch dabei zurecht zupfend.
„Was der hat dich gekorbt? Unverschämt ist das! Lass dir das nicht gefallen!“ Wut zeichnet der Angesprochenen in deren Gesichtszügen dabei scharfe Linien um die Nase. Die Lachfalten sind verschwunden. Ich frage mich was da geschehen ist? War die gekorbte Frau im Strandbad? Hatte dort ein Fischer sie in einen Korb gefangen gesetzt, sie mit einer seltenen Nixe verwechselt? Wie kann ich hinter das Geheimnis des Korbens kommen? Kann gekorbt werden auch mir geschehen? Ausserirdische am Werk die Menschenexperimente durchführen? Ein Elektrokorb im Spiel? In den heutigen so absurden Zeitabläufen ist alles möglich, flüstere ich stumm meinem linken, von den Damen abgewandten Ohr zu. Das rechte hat keine Zeit um Hypothesen aufzustellen. Konzentriert sich mit seinem Schalltrichter voll auf das belauschte Gespräch, wobei ich darauf achte meinen Kopf in die Zeitung zu vergraben um nicht aufzufallen. Koren, koren, was soll das denn, leiert mein Hirn, nach Koffein lechzend, sich selbst immer wieder zu. Bestelle einen weiteren Dopio. Die beiden Frauen scheinen hungrig. Haben sich ein Hähnchen im Korb bestellt. Jedoch nur eines für zwei. Ist ja auch noch so früh am Vormittag. Hähnchen im Korb liegt da die Lösung des Rätsels? Hähnchen sind ja männlich. Also ein Mann im Korb serviert. Doch für was. Und wie? Und für wen?

„Wenn Du dich nochmals koren lässt, bist du selber schuld. Der Typ mag noch so attraktiv sein und Träume verbreiten. Das ist deiner nicht würdig. So einer taugt nichts. Ein Taugenichts.“
Es folgt keine Antwort. Das Hähnchen wird aufgetischt. Sieht appetitlich aus. Duftet fein. Die beiden nagen an Knochen. Schmatzen. Wischen sich das Fett von den Fingern. Legen die Serviette in den Korb. Stehen auf. Und lassen mich mit dem Rätsel irgendwann selbst gekorbt zu werden, einsam, hirnleiernd an meinem Platz zurück, ohne mich weiter eines Blickes zu beachten. Haben sie mir soeben einen Korb erteilt? …




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"Korben" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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