Kurzgeschichte der Woche

Ghosten

(Social-Media Ausdruck für ignorieren)

„Ich werde Dich ghosten!!!!!“, diesen Text, geschmückt mit 5 Ausrufezeichen lese ich heute um drei Uhr dreißig morgens auf meinem WhatsApp. Ja, ich bi ein Frühaufsteher! Muss es sein. Denn als Bäckerlehrling beginnt meine Arbeit bereits um 4, obwohl wir heute Sonntag feiern. An Werktagen muss ich bereits um 2 beginnen. Na ja, wenn ich früh genug in die Federn husche ist das kein Problem. Aber an einem Sonntag, nach dem obligaten Discobesuch in der Samstagnacht, der erst um dreizwanzig Uhr beginnt, kommt auf das Schlafkonto weniger als eine Stunde. Immerhin. Ich rechne das dann einfach in Sekunden um. Da kommt eine stattliche Zahl zustande. Eine Zahl die mich beruhigt, jedoch das Manko nicht auszugleichen vermag. So reibe ich mir die Augen. Nicht nur der Müdigkeit halber. Nein, besonders dem WhatsApp Text wegen. ‚Ghosten‘? Was soll das? Und das von meiner neuen Flamme mit der ich mich so genial unterhalten habe in der Disco. Nicht zu viel über nächtliches Geschwätz nachdenken, lieber in die Pedale meines Rads heftig treten, auf dass ich nicht zu spät eintreffe.

Der Meister toleriert das nicht, selbst nicht an einem Sonntagmorgen. Da muss das Gebäck zeitlich pünktlich bereit stehen, wenn die Familienväter fürs Bett-Frühstück auf Einkaufstour mit ihren Hunden den Vorderteil des Gebäudes ohne Hund doch zumeist mit einem Kater betreten. Diesen Vorderteil der mir als Mehlbestäubter verschlossen bleibt. Auf immer. Es sei ich eröffne einmal eine eigene Bäckerei und begrüße dann wie mein Boss Freund und Kumpels die Brötchengeil sich in die Warteschlange einreihen. So, geschafft! Minuten zu früh! Hätte die noch länger schlafen können. Aber was soll‘s. Pünktlich währt am Längsten! Trete ein. Grüße laut. Doch wohl der Schlaftrunkenheit wegen erwidert niemand meine mit Lachfalten verzierten Worte. Der Meister verzieht seine Visage zu sauermüpfigen Faltenwürfen. Ignoriert mein Kommen, obwohl ich so pünktlich bin. Bereite den Sauerteig vor. Könnte mit diesem meinen Boss überziehen, so ärgert mich, dass er meine Freundlichkeiten nicht beachtet.

Nun, als Lehrling muss man sich einiges gefallen lassen. Sitzt ganz unten in der Hierarchie. Wird sich mit den Jahren ändern, tröste ich mich selbst. Und da erhebt der Chef seine sonore Stimme: „Hat jemand den Karl gesehen? Diese Unpünktlichkeit bringt mich zur Raserei! Auf die Jugend kann man einfach nicht mehr zählen! Kann jemand ihn auf seinem Handy anrufen? Wer kennt seine Nummer?“ Komisch denke ich. Sind doch vollzählig! Und da fällt die Münze in mein übernächtigtes Hirn. Karl das bin doch ich! Da klingelt auch bereits mein IPhone. Und sofort wird mir klar, dass meine Flamme das mit dem ‚ghosten‘ wirklich ernst meint und ich bin am Boden des Teigs sauertöpfisch durchsichtig zerstört ...




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"Ghosten" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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