Kurzgeschichte der Woche

Kleinzügig

„Kleinzügig, kleinzügig“, murmelt mein Sitznachbar im TGV Richtung Paris, wo ich meine Freundin besuchen will. Habe sie bereits ganze drei Wochen nicht mehr gesehen und sehne mich nach ihr! Sehnen ist nur der Vorname, ich brenne richtig danach Monika in meine Arme zu nehmen. Sie zu küssen, zu herzen. Nein, herzen ist zu milde. Doppelherzen? Trippelseelen? Ach es gibt kein gangbares Wort für meine Sehnsucht! Als Student der Ingenieurwissenschaften kann ich mir nur durch Nachtarbeit das nötige Geld für die Bahnfahrten besorgen. So reinige ich jeweils am Wochenende, der Sonntagszuschlag lockt mich an, die Busse unserer städtischen Verkehrsbetriebe. Also nur die Innenräume. Das Außen übernehmen bereits seit langem die elektronisch gesteuerten Waschstraßen und mir wird bange wenn ich die Fortschritte meiner Studienrichtung Künstliche Intelligenz (KI) betrachte, denn bald werde ich wohl von einem eisernen Putzroboter ersetzt werden. Wie dann meine Reisen bezahlen?

Na ja, bis dann werde ich möglicherweise Multimillionär sein, wenn mir die bahnbrechende Erfindung zur Zähmung der KI gelungen ist. Bahnbrechend? Ja, ich sitze in der Bahn, die für mich nicht schnell genug ans Ziel meiner Träume gelangen kann. Und da stört mich das dauernde Gebrabbel meines Sitznachbars der das Wort KLEINZÜGIG ohne Unterbruch immer wiederholt. Was versteht er unter diesem Wort? Findet er unseren Zug zu klein? Die Beinfreiheit? Die Kompositionslänge? Soll ich ihn ansprechen? Doch er hat die Augen geschlossen. Fest geschlossen. Spricht er im Traum? Wird er gleich aufstehen und schlafwandelnd die Notbremse ziehen? Das wäre fatal. Eine Verzögerung meine Liebste zu treffen die ich nicht ertragen würde. Ihn wecken? Anstupsen? Habe ich das Recht dazu? Unsere Verfassung garantiert ja Meinungs- und Redefreiheit. Kleinzügig … kleinzügig …, was soll das? Oh, wären wir doch bereits in Paris! Kleinzügig …?

Meine Gedanken werden langatmig, ich muss mich mit anderem beschäftigen als mit meinem Nachbarn. Mit dem Bild meiner Monika, das sich in meine Seele eingebrannt hat? Langatmig? Kurzatmig, weil der Kerl neben mir mich mit seinem kleinzügig immerfort aus meinen Gedanken reißt. Kleinzügig? Großzügig! Ist das des Rätsels Lösung? Heureka, das Gegenteil von großzügig muss der Ausdruck kleinzügig sein! Und weshalb gibt es diesen in unserer Sprache nicht, obwohl die Mehrheit der Menschen eher diesem zuzuordnen ist?




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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 23. Februar 2019 schrieb ein anonymer Leser:

"Ein brillantes Stück Ihrer Sprachkunst und -phantasie! Die doppelte Strähne der Geschichte, wobei der zweite Protagonist mit einem einzigen negativen Ausdruck die fröhliche Vorfreudstimmung des jungen Mannes vergiftet. Eigentlich eine philosophische Geschichte über die Zerbrechlichketi des Glücks und des Optimismus. Es ist nur zu hoffen, dass sich der junge Mann in Paris schnell erholen konnte. Sie haben recht, die Kleinzügigkeit ist zermürbend, nicht nur im Zug. "




"Kleinzügig" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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