Kurzgeschichte der Woche

Kopfnuss

Mein kleiner Enkel wünscht sich von mir stets Geschichten erzählt zu bekommen. Und meist wiederholen sich die Titelwünsche, falls ihm eine meiner Fantasiegeschichten besonders gefallen hat. In den letzten Wochen wünschte er sich immer wieder die Kopfnussgeschichte. Auch heute wieder, als er sich auf meinen Schoss, nach dem von meiner Tochter so wundervoll komponierten Sonntagsmittagessen setzt, und ich es mir im Lehnstuhl meines Großvaters gemütlich mache, der jetzt als vorzeitiges Erbstück bereits seine nächste Reise in das Wohnzimmer meiner Tochterfamilie unter sein Polster genommen hat. Natürlich nicht bevor der Fauteuil einer gründlichen Reinigung, der Vertreibung aller Bakterien aus deren Paradies, dem so alten Polster über sich ergehen hatte lassen müssen. Eins muss ich dem Gegenstand zugutehalten: er ist sehr bequem und falls dieser sprechen könnte wären ihm zahllose Geheimnisse zu entreißen, von denen heute niemand mehr etwas wissen kann.

Aber möglicherweise empfindet mein Enkel genauso wie ich dem Lehnstuhl gegenüber, er will mir alle Geheimnisse die ich in meinem langen Leben gebunkert und meiner Seele einverleibt habe entlocken. Gebunkert alles was meine Seele nicht annehmen wollte, da entseelt und von ihr, der Hüterin meines Gewissens, nicht als würdig befunden wurde. Und das war auch die Kopfnussgeschichte. Deshalb wohl gefällt sie dem kleinen Enkel so gut, spricht diese doch seine Schattenseiten, an die wir Menschen von klein auf in uns wissen und auch, ob wir wollen oder nicht, hegen und pflegen.

Ja, diese Kopfnussgeschichte spielte in dunkler schulischer Vorzeit, als die Lehrerschaft noch eine allmächtige Herrschaft innehatte. Schulische Unleistungen, heute würden diese als Fehlleistungen eingestuft, zu harten Reaktionen der Erzieher führten. Zuerst vor versammelter Schulklasse, die in Habachtstellung der Austeilung der Kopfnüsse zuzuschauen hatte, die dann im Einzelverfahren vor dem Lehrerzimmer, nach dem Nachsitzen, zwei Stunden nach Schulschluss fortgesetzt wurden, bevor der Sünder mit einem Briefchen an den Vater entlassen wurde, versiegelt und durch Unterschrift auf der Rückseite vor Dampföffnungen geschützt, brav nach Hause zu tragen war, wo dann das Donnerwetter seinen Fortgang nahm und zur Strafe das Nachtessen vollständig gestrichen, der Schuldige nach der letzten Kopfnussernte, seinen Tränen und dem knurrenden Magen überlassen wurde.

Mit riesigen Augen, gebannt auf meine Lippen starrend stellt mein Enkelchen, das gehört zum Ritual, immer dieselbe Frage:
"SAG GROSSVATER WO WACHSEN DIE KOPFNUSSBÄUME?" Die ich stets mit dem gleichen Satz zu beantworten hatte: „"Das erzähle ich Dir das nächste Mal, Du musst jetzt husch zum Mittagsschlaf!!" Und ich hoffe, dass eines Tages mein Sohn seinem Enkel, der dann auf seinem Schoße sitzen wird, weiter Kopfnüsse in diese Form verteilen wird, ohne ihm zu verraten, wo die Kopfnussbäume wachsen …




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Ein Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:

Am 4. April 2019 schrieb ein anonymer Leser:

"Die Geschichte - ein Ge (-Nuss)!"




"Kopfnuss" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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